August 2026 – Die eigentliche Katastrophe

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Ist das nicht ein tolles Wetter! Endlich ist der Sommer zurück, endlich ist er da, der Klimawandel!

Ulrich Sigmund, Afd, Sachsen-Anhalt, bei einer Wahlkampfveranstaltung.

 

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Sie meinen die aktuelle Wetterlage?

Sebastian Hille, CDU, bei einer Bundespressekonferenz auf die Frage eines Reporters zu durch die Hitze entstehenden Gefahren in Pflegeheimen, Krankenhäusern, Schulen, im ÖPNV.

 

 

Juli 2026 – Schweiz im Juli – Das Sommerbuch

Im Hostel in Bern spricht mich auf der Terrasse eine junge Frau an. Ich kenne sie schon. Vorhin, als ich noch gefrühstückt habe, saß sie am Tisch mir schräg gegenüber mit ihrer Partnerin und einer Hostelbekannten, die ziemlich laut geredet hat, während die beiden nett zugehört haben. Sie ist ein heller Typ, schlank, trägt weite Jeans, ein Bandana artiges Kopftuch in Beige, eine enge leichte Bluse mit ein paar Spitzeneinsätzen im Romantic Style. Ich schätze sie auf Mitte zwanzig.

Wie ich das Buch finde, fragt sie mich auf Englisch und deutet auf Tove Janssons Das Sommerbuch, das auf meinem Tisch liegt. Oh, sage ich überrascht und sie erklärt, dass es ihr absolutes Lieblingsbuch sei und sie es schon mindestens siebenmal gelesen habe und es jeden Sommer wieder lese. Ich beginne zu sprechen. Actually, sage ich und erzähle ihr, dass ich anfangs dachte, es sei einfach eines dieser wahrscheinlich eher kitschigen Sommerbücher im Sinne des Genres Sommerbuch, das die Buchhändlerinnen vor den großen Ferien auf einem Thementisch auslegen, zusammen mit ein bisschen Deko – Muscheln, blau-weiß-gestreiftes Badetuch, ein Boot, ein Plastikleuchtturm – damit man dann am Strand eine leichte Lektüre lesen kann, mit ein bisschen Liebe, ein bisschen Humor, ein bisschen Natur. So wie man selbst es eben gerade erlebt oder sich wünscht zu erleben. Im Sommer, im Urlaub.

Ich erzähle, dass ich mit diesem Framing bis ungefähr auf Seite 30 gekommen bin. Eine Großmutter und eine Enkelin, zwei ansprechend eigenwillige Figuren sind mir bis dahin begegnet, die auf einer finnischen Schäreninsel zusammen den Sommer verbringen, der Vater ist noch dabei, tritt aber wenig in Erscheinung, die Begegnungen der beiden, ihre kleinen Abenteuer im Alltag, sind mit einem feinen, melancholisch-lakonischem Humor erzählt, die Beschreibungen der Inselnatur, die mit dem Leben der beiden verflochten ist, fügt sich ebenso organisch in die Erzählung ein und hat nichts Ausgestelltes.

Then it striked me, sage ich. I flipped back, auf der Suche nach einem Satz, über den ich einfach so drüber gelesen habe. Auf Seite 28 finde ich ihn. Der Satz ist aus der Perspektive der Enkelin erzählt, Sophia, die nachts erwacht und nicht schlafen kann. „Ihr fiel ein“, steht da, „dass sie auf die Insel zurückgekehrt waren und dass sie ein eigenes Bett hatte, weil ihre Mutter tot war.“

Ja, sagt die junge Frau. Wir schauen uns an.

At that moment, sage ich, I realised, dass es um den Tod und die Verarbeitung des Todes der Mutter geht. I started from the beginning, sage ich, und hab alles nochmal gelesen und dann weiter und weiter. Das Buch hatte plötzlich einen Layer hinzubekommen, sage ich. Ich lese nun Sophias Reaktion auf den Fund eines Tierskeletts. Ihre Wut auf eine tote Ente, die zur falschen, weil hoffnungsvollen Paarungszeit stirbt, auf die Großmutter, die sich eine Geschichte über den Grund für den Tod der Ente ausdenken soll und dann Sophias Meinung nach etwas ganz Falsches erzählt. Die schon recht gebrechliche, dennoch energiegeladene Großmutter, die auf Sophias grobe Frage, wann sie denn sterbe mit einem knappen „bald“ reagiert. Die sich weigert, den Tod zu umschreiben, sondern ihn ruhig und nüchtern benennt. Die im Laufe der Geschichte müder wird, in sich gekehrter, langsamer. Der im Hintergrund immer schwer arbeitende Vater, der anders als die beiden Frauen im Buch nicht zu Wort kommt. Immer wieder erzählt der Tod sich hinein in den Organismus der sich verändernden Insel, in die Geschichte.

Die junge Frau erzählt mir, dass sie Literatur studiert und ihre thesis über das Buch geschrieben habe. Oh, sage ich, wow, und um was es denn ging in der Thesis, frage ich. Sie erwähnt neben der Sache mit dem Tod auch ecopsychological theories, die offenbar die Frage danach stellen, inwieweit Natur bzw. eine Verbindung zu ihr eine Heilung darstellen kann sowie die queeren Aspekte des Buches. Tove Jansson war lesbisch. Ich frage sie, in was sie die Aspekte gefunden hat?

Wir unterhalten uns über ein großartiges Kapitel in dem Buch. Es trägt den Titel Berenice. Eines Tages nämlich trifft Berenice auf der Insel ein. Sophia freut sich wahnsinnig, dass sie eine Freundin hat, die sie besucht. Sie ist voller Bewunderung für Berenice herrliches Haar und erklärt der Großmutter, was für ein empfindsames, delikates Wesen sie ist,  prinzessinengleich. In ihrer Schönheit scheint Berenice durch das Haus und über die Insel zu wandeln und wenig in Kontakt zu treten. Das Problem ist, so erklärt es Sophia seufzend der Großmutter, Berenice hat vor allem Angst. Ich weiß einfach nicht mehr, was ich mit diesem Kind machen soll, klagt Sophia gegenüber der Großmutter. Nachdem sich Berenice endlich traut zu tauchen, ist ihr wundervolles Haar zerstört.

Während ich Berenice vor allem als fantastische Veräußerung der ängstlichen Anteile von Sophia gelesen habe, hat die junge Frau, selbst queer, ihn auch als Frage nach Geschlechtsidentität und Homoerotik gelesen hat. Das Mädchenhafte an Berenice zieht Sophia an, macht sie aber gleichzeitig auch ratlos. Wie soll man sich zum Mädchenhaften in sich selbst verhalten, wie die Balance finden zwischen Wut und Angst, Lebenslust und Angepasstheit. Die eigenwillige Großmutter und ihre oft wütende, hilflose Enkelin haben einen starken Bezug zueinander. In diesem Frauenhaushalt spielt der Vater, das Patriarchat kaum eine Rolle. Er funktioniert irgendwie anders als die beiden. Er schafft und werkelt, pflanzt und baut. Sein Bezug zur Inselnatur ist eine andere. Doch als der Vater später im Buch in einen Sturm gerät und lange nicht von einem Ausflug zurückkehrt, sind Großmutter und Enkelin in großer Sorge.

Die Erzählung wechselt so weich, manchmal fast unsichtbar zwischen den Perspektiven ihrer Protagonistinnen, dass es erstaunlich. Das lässt die beiden noch mehr zusammenwachsen, so unterschiedlich sie sind. Die Perspektive der alten Frau, die immer mehr mit der Insel eins wird, auch das ein Todesmotiv und deren eigensinnige Energie sich in ihrem müder werdenden, schmerzvoll steifen Körper zurechtfinden muss, ist nüchtern und empathisch zugleich geschildert. Eine Figur wie diese ist außergewöhnlich.

Es war also gar nicht das Sommerbuch, das ich erwartet hatte, sage ich zum Schluss. Ja, sagt die junge Frau. Aber man kann es eben auch einfach so lesen.

Ich frage sie, ob ihre Thesis veröffentlicht wurde. Nur an der Uni sagt sie. Kann ich sie dort lesen? Yes, sagt sie, but its in Swedih. Wir lachen. Ich bedanke mich bei ihr. Dafür, dass sie mich angesprochen und mir davon erzählt hat. Wir umarmen uns nicht. Aber im Grunde war das ganze Gespräch eine Umarmung.

Juli 2026 – Schweiz im Juli – Verschiedenes

Die Blumenfrau

Ich sitze auf der Terrasse vom Hotel Ofenhorn. Eine ältere Frau mit Sonnenbrille liest am Tisch vor mir in ihrem Buch. Sie wirkt gepflegt, weiße Bluse, Chinos, bequeme Schuhe, praktisch, aber ästhetisch wohldurchdacht, die Haare waren erst kürzlich beim Friseur. Wohlhabend, fällt mir noch ein, dieses altertümliche Adjektiv, das einem bei manchen Schweizern hier manchmal in den Sinn kommt, die ihren Reichtum gerne unauffällig gestalten. Ich kann nicht erkennen, was sie liest. Aber sie liest konzentriert und gerne.

Ab und zu schaut sie auf, wie wir alle, und schaut von der Anhöhe, auf der die Terrasse liegt übers Dorf unterm Sommerhimmel: Walliser Häuser mit geneigten Dächern und Balkonen aus Holz, die sich hinter und vor dem Flüsschen, der Binna, aufreihen. Sie wirkt nicht besonders outgoing, die anderen Menschen an den Tischen interessieren sie nicht. Sie ist für sich.

Am nächsten Tag, ich sitze erneut auf der Terrasse, sehe ich sie wieder. Sie tritt aus dem Hotel und geht ein wenig vor den Fenstern der Fassade auf und ab. Ich höre den Kies unter ihren Füßen. Als die Servicekraft kommt, spricht sie sie an, fragt etwas. Ihre Stimme ist leise, ich verstehe nicht, was sie sagt. Das müssen Sie aber nicht, Frau Soundso, das wissen Sie ja, sagt die Servicekraft. Frau Soundso sagt noch etwas Leises. Wenn es Ihnen Freude macht, dann, natürlich, dann machen Sie das, sagt die Servicekraft herzlich.

Die Frau geht zum Fenster. Umgehend beginnt sie mit ihren schlanken Fingern durch die roten Geranien zu gehen, die in den Blumenkästen wachsen. Sie durchkämmt die Stiele, bewegt sie mit raschen, feinen Strichen hin und her, zupft ein paar von ihnen ab, knipst matschig gewordene Blüten weg, alles in einer Ruhe und Geschwindigkeit, die mich an eine Krankenschwester erinnert, die dem Patienten zu seinem Besten ganz kurz ein bisschen weh tun muss. Ich bin beeindruckt.

Nach dem ersten Kasten, die Hand voller Pflanzenresten, sieht sie sich suchend um, steuert schließlich den Tisch im Hintergrund der Terrasse an, auf dem Utensilien für den Service stehen. Sie kommt mit einem kleinen Blecheimer zurück.

Einen Blumenkasten nach dem anderen geht sie durch, immer die Fenster entlang. Ich höre den Kies unter ihren Füßen. Sie liest aus, knipst ab, wirft das flink Entfernte aus ihrer Hand in den Eimer. Die Befriedigung darüber ist ihr anzusehen als sie am Ende kurz ihr Werk betrachtet, dann den Eimer ins Haus bringt, um ihn zu leeren.

Später sehe ich sie wieder. Sie sitzt am Tisch und liest, die Sonnenbrille auf.

Nicht ein einziges Mal habe ich ihre Augen gesehen.

 

Die Maske

Ich stehe vor einem der Häuser und schaue die Fassade hoch. Dort hängt eine riesige Maske aus Holz: Das verzerrte Gesicht eines Mannes mit dichtem, struppigem Haar. Der Mann vom Mineralienhandel hinter mir schließt für heute seine Türen. Ich deute auf die Maske und frage ihn, was das ist. Das ist der wilde Mann, sagt er mit seinem Schweizer Akzent. Ich soll aufpassen, weil er alle frisst. Okay, nicke ich, ich pass auf. Das ist nach einer alten Geschichte, sagt er, dass ein Mann den Berg heruntergekommen ist und alles kaputt gemacht hat. Ich finde, er sieht ein bisschen traurig und verzweifelt aus, sage ich. Wie so oft erinnert auch dieses Monster und seine Geschichte eher an behinderte oder psychisch kranke Menschen, vor denen man Angst hatte und die unverstanden von der Welt ihrer Wut freien Lauf gelassen haben.

Die Maske kommt von der Schnitzerei im Ort. Auch die Sonnen, die in Binn an vielen der Holzfassaden hängen, sind aus dieser lokalen Schnitzerei. Vater und Sohn waren das, erzählt er mir. Aber nun haben sie zu. Es gibt sie nicht mehr, die lokale Schnitzerei. Eigentlich erklärt er mir, kommt die Tradition mit den Holzmasken eher aus dem Lötschental. Ich schaue ihn überrascht an, denn in meinem Kopf klingelt es jetzt. Aus dem Lötschental, sage ich erstaunt und erzähle ihm, dass ich als Kind von meinen Eltern im Urlaub eine solche Maske geschenkt bekommen habe. In viel kleiner natürlich.

Jahrelang hing sie in meinem Kinderzimmer an der Wand. Ich hatte immer Angst vor ihr. Vor dem Mann mit dem verzerrten Gesicht, das mir vorkam wie geschmolzen. Das Holz war ganz glatt und weich geschmirgelt und hatte eine feine Maserung. Im Mund des Männergesichts prangten ein paar wenige Zähne, und seine Haare, die ich mich manchmal getraut habe anzufassen, waren aus Pferdehaar. Es war borstig und roch auch nach Jahren noch nach Tier. Ich erinnere mich noch an die Schnitzerei in der meine Eltern ihn für mich ausgesucht und ihn mir aufgedrängt haben. Die Wände hingen voll mit zu Grimassen verzerrten Männergesichtern.

Ich dachte immer, er sei aus einem Urlaub in Tirol, sage ich dem Mann, aber meine Eltern haben ihn Lötschi genannt. Also waren wir wohl im Lötschental.

Der Mann erzählt mir noch einen Witz über ein Skelett beim Zahnarzt. Der Zahnarzt sagt zum Skelett, die Zähne sind gut, aber das Zahnfleisch macht mir Sorgen. Während unserer kleinen Unterhaltung hat er jeden gegrüßt, der vorbeigekommen ist. Er kennt hier alle. Bringsch mir Bier, sagt er zu einem Mann, der eine große Ladung Bierkästen mit einer Transportkarre die steile Straße hochzieht. Classic Dad jokes. Ich mache noch ein Foto vom wilden Mann an der Holzfassade, weil ich es so erleichternd finde, dass er mir sympathisch ist.

Später recherchiere ich. Tschägättä heißen die Masken im Lötschental, auch in Tirol und natürlich im Alemannischen sind sie verbreitet. Sie sollen böse Geister vertreiben. Es scheint mir typisch für meine Eltern und ihre Generation, dass sie mir das nicht gesagt haben. Oder haben sies mir gesagt und ich habs nicht hören, sondern Angst haben wollen?

 

Die Namen des Vaters

Wie immer gefallen mir die sattgrünen Wiesen am besten, die Blumen verteilen sich als Farbtupfer darin. Ich deute darauf und nenne ihre Namen, Löwenmäulchen, Wiesenschaumkraut, wer hat sie mir beigebracht? Mein Vater?

Ich füttere sicherheitshalber Google Lens mit Fotos der Blumen, mein Misstrauen ist ja über Jahre gewachsen, nur um festzustellen, dass keiner der Namen stimmt. Keiner. Falls mein Vater es war, hat er schwer geflunkert, einfach mal was behauptet, damit das Kind eine kompetente Antwort auf seine Frage erhält (und die? und die, Papa? und wie hießt die?!), und einmal mehr beeindruckt ist von ihm und seinem Weltwissen. Stattdessen habe ich es zu tun mit Taubenkropf, Schafgarbe und vielen anderen fälschlich Benannten. Die Schafgarbe wächst manchmal – die Stiele bis hoch übers Gras, die Blüten ein Dach – so dicht auf manchen Wiesen, dass sie aussehen als läge ein fein gehäkelter Schleier über ihnen. Bei den Schmetterlingen, von denen es hier unendlich viele gibt, das gleiche: Alle heißen anders als ich dachte.

Wie lange habe ich keine Schmetterlinge mehr gesehen. Manche setzen sich auf meinen Unterarm, mein Bein, was sie da suchen, finden, mit ihren Fühlern ertasten, Zucker, Salz, wer weiß das schon.

 

Volgsgenossen

Beim Volg, dem kleinen Landmarkt im Dorf, kaufe ich Hörnlisalat, Ovomaltine und Bircher Müsli. Volg ist eine Schweizer Kette wie Migros, übernimmt aber vor allem die Nahversorgung in kleinen Orten. Vom Mehl übers Deo bis zum Käse aus der Region finden die Anwohner, aber auch die Wanderer, alles. Ein LKW quält sich alle paar Tage die schmalen, kurvigen Straßen nach Binn hoch, um den Volg zu beliefern. Wie so oft denke ich jedes Mal, wenn ich ihn sehe an den Winter und wie es wohl sein muss, wenn hier alles voller Schnee liegt.

Wie so viele Unternehmen in der Schweiz ist auch Volg genossenschaftlich organisiert. Auch das Hotel Ofenhorn, auf das ich von der Wohnung aus schaue, gehört einer Genossenschaft. Ich recherchiere. Versicherungen (Die Mobiliar, ich sehe den Schriftzug auf Gebäuden in den Städten), Car Sharing (Mobility Carsharing ist das größte Unternehmen zu diesem Thema in der Schweiz), Banken (die Raiffeisenbank, klar), die öffentlich-rechtlichen Medien (SRG SSR), Supermärkte (Migros, Coop, Volg) – in allen sogenannten Schlüsselbranchen finden sich sehr erfolgreiche Genossenschaften, die ihren Mitgliedern gehören. Ganz abgesehen von Wohnungsbaugenossenschaften oder Schwimmbädern, den Badis, die oft genossenschaftlich gerettet werden, wenn die Kommune sie nicht mehr finanzieren kann/will, es ist rechtlich einfach, eine Genossenschaft zu gründen. Die Schweiz selbst ist eine Genossenschaft. Die Schweizer sind es seit dem Rütlischwur gewohnt, gleichberechtigtes Mitglied von etwas zu sein und ihre Stimmberechtigung auszuüben. Wer zusammenhält, kann sich von der Herrschaft der Habsburger Vögte befreien. So die Erfahrung.

 

Mineralien und Brotzeit

Die Gegend ist berühmt für ihre Mineralien. Dreihundert verschiedene Mineralienarten gibt es im Binntal. Ich wandere vom Ortskern aus oberhalb der Binna durch Wiesen bis nach Feld, das je nach Beschreibung auch Imfeld oder Fäld heißt. Dort gibt es ein Mineralienmuseum plus Shop, das ein Schweizer privat aufgebaut hat, um dort seine Sammlung zur Verfügung zu stellen. Er war früher Strahler. So heißen die Mineraliensucher, nach den strahlenden Kristallen, die sie finden. Auch ihre Tätigkeit heißt strahlen. Nur wer ein Strahlerpatent hat, darf heute in der Schweiz Mineralien abbauen. Man muss auch ganz schön ran an den Berg. Abgesehen davon, dass man erstmal ins Hochgebirge kommen muss, erzählen die im Museum ausgestellten Werkzeuge, die mitgeschleppt werden müssen, wie Strahlstock, Fäustel, Meißel, Klüfthaken, auch davon, wie hart man dem Felsen seine glitzernden Versprechen abtrotzen muss.

Ich schaue mir gerne die Farben und verrückten Formen der Steine an, bin aber auch offen gesagt, schnell gelangweilt. Viel mehr beschäftigt mich der Mann, der das Museum betreibt. Er ist schon älter, nicht mehr gut zu Fuß. Er hat es geschafft, seinen Nachlass über eine Stiftung für die Öffentlichkeit zu sichern, siehe oben, die Schweizer eben.

Als ich ankomme, steigt er aus einem Auto, um seinen Laden zu öffnen. Ein Freund hat ihn gefahren. Oder ist es seinFreund? Aus irgendeinem Grund, vielleicht weil sie so still vertraut miteinander umgehen, denke ich, dass er vielleicht gay ist und der Mann sein Partner. Sofort läuft vor meinem inneren Auge eine Brokeback Mountain Geschichte in den Hochalpen ab, eine romantisch-erotische Beziehung, die nur dort oben, in der Abgeschiedenheit der Berge, nach schweißtreibender Arbeit und der gemeinsamen Suche nach zarten, glänzenden Schätzen, abends am Feuer und später im Zelt, entstehen kann.

Aber wahrscheinlich ist alles ganz anders.

Den Lehrpfad und die Grube Lengenbach, in der man selbst „klopfen“ darf, lasse ich für heute aus. Mich ziehts zurück nach Binn ins Restaurant Brücke auf eine Walliser Käseschnitte.

 

Die geht so:

Eine große dicke Scheibe Brot (Ruchbrot, das ist das gängigste dunkle Brot in der Schweiz, gibt’s auch mit Sauerteig) in Bratbutter anrösten. Das Brot kommt auf ein mit Backpapier ausgelegtes Blech wo es mit Weißwein beträufelt wird. Der kann auch, wenn man mag, mit Gemüsefond gemischt sein. Auf das Brot kommt Walliser Raclette-Käse-Mischung AOP. Das Brot im Ofen bei vorgeheizten 200 Grad bei Ober- und Unterhitze für 10 Minuten backen. Dazu gibt’s Pickles – Gurke und Silberzwiebel sind die Klassiker.

Also praktisch Fondue auf dem Teller!

Es gibt natürlich tausend Varianten, um die Schnitte noch ein bisschen dicker zu machen: Tomate, Schinken unter den Käse legen, ein bis zwei Spiegelei auf den Käse obendrauf oder man verpasst der Käseschnitte einen Twist mit Birne. Man kann auch die Käsemasse mit Eiern vermengen bevor man sie aufs Brot legt. Aber ich finde die ganz einfache Variante am besten. Grilled Cheese a la Wallis.

 

Spiderwoman

Nachts lassen wir die Fenster offen. Die Luft ist lau, die Wiese riecht süßlich nach Kuhmist. Am nächsten Tag sind viele Spinnen in der Wohnung. Alle vom gleichen Typ. Der Körper etwa zwei Zentimeter groß, die Beine dünn und lang. Sie verstecken sich gerne zwischen Vorhangfalten. Ich mag sie nicht. Wirklich gar nicht. Nachts träume ich von ihnen und habe bei jedem Gekitzel Sorge, dass gerade eine über mich läuft. Ich nehme mir vor, endlich mal was über Spinnen zu lesen, vielleicht lindert das die Angst. Ich weiß nicht mal, ob sie eigentlich Augen haben und wenn ja, was sie eigentlich sehen. Wie sehe ich aus für sie? Wissen sie, dass ich Augen habe? Schauen sie mir in die Augen, ohne dass ich es mitbekomme?

Acht Augen, Leute! Und je nach Art (Jagd-, Lauer- oder Netzbau-Spinne) ist von blind bis Farbensehen eine Menge möglich. Alles natürlich total faszinierend, aber eine Louise Bourgeois wird nicht mehr aus mir.

Am Bachlauf und an den Wegen alles voll mit … Google Lens? Weideröschen!

Wir baden in der Binna. Dicke weiße Steine liegen wie vom Riesen hingeworfene Kiesel im Flussbett herum und haben kleine Becken für uns gebaut. Das Wasser ist kalt. Draußen ists warm. U jauchzt. Ich ziehe mein Shirt aus. Danach Socken anziehen auf nasse Füße, ich lieben diesen Kneipp Klassiker.

Juli 2026 – Schweiz im Juli – Kante B

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Ich bin spät dran, klar, ich bin ja auch mit dem ICE gefahren.

Ich frage den mackerigen Busfahrer mit der albernen  Sonnenbrille, wo denn der Bus nach Binn abfährt? Denn auf dem Fahrplan des kleinen Bahnhofs von Fietsch sind keine Haltestellen angegeben und Schilder gibts auch nicht. Der Busfahrer kennt mich schon. Ich bin kurz zuvor um seinen riesigen gelben Postbus herum getigert, der mitten auf dem Vorplatz stand und kryptische Infos auf dem Display hatte. Ich bin nervös. Ich muss den letzten Bus nach Binn erwischen. Der geht um 17:58. (!). Und das hätte er ja sein können.

Er saß wohl drin, der Busfahrer, hinter den dunkel getönten Scheiben. Irgendwann ging gelber Monster-Bus an. Er hat ihn einmal auf dem Vorplatz gedreht und ist von hinten in die kleine Halle gefahren, in die ich ihm gefolgt bin und die für mich eher aussieht wie eine Werkstatt. Dann ist er ausgestiegen. Kante B, bellt er als Antwort auf meine Frage. Aha, sage ich und merke mir das schon mal für falls ich mal ne Band gründen will. Kante B ist, so entnehme ich es der Richtung in die das Busfahrer-Kinn zeigt, die leichte Betonerhöhung in der Mitte der kleinen, halb offenen Halle. Aah. Ich stelle mich dort hin und warte.

Der Busfahrer lässt jetzt den blitzblanken Postbus von einer wie ich finde, spektakulären Waschanlage säubern. Die ist einfach so offen an eine Seitenwand der Halle gebaut und bewegt sich nun einmal automatisch um den Bus herum. Die Anlage verfügt auch über ein Sprühding, das den Bus auch sorgsam an den unteren Seiten absprüht, bis runter zum Unterbauch, mich kitzelt es wohlig, der Bus findet das bestimmt auch angenehm.

Ich bin nicht alleine doof. Auch andere kommen mit Rucksäcken und Koffern und schauen sich suchend um, mangeln mit den Augen den Fahrplan durch, stromern um die Busse auf dem Vorplatz herum, gehen auf die Zehenspitzen, schauen durch die getönten Scheiben, ob sie jemanden hinterm Steuer sitzen sehen, den sie bei seiner Pause stören und fragen können. Einzig ein Teenie-Junge stellt sich abgebrüht neben mich, daddelt.

Busse kommen und gehen.

Schließlich tritt der Busfahrer, denn natürlich ist der Busfahrer mein Busfahrer, die Faschingssonnenbrille hat er nicht abgenommen, aus einer Tür im Hintergrund und fährt seinen frisch geputzten Riesenbus an Kante B. Und zwar auf Kante.

Er öffnet die automatischen Türen und tritt die Treppe herunter, als gehe er zum Abschlussball. Die Wartenden schauen ihm entgegen. Er scherzt mit den Ladies, italienischer Akzent, wuchtet Rollkoffer und Rucksäcke mit baumelnden Wanderschuhen in der Gepäckablage zurecht, legt auch meinen Koffer mit einem Schubs in die Horizontale, sagt auf Anfrage Ja, wenn er wo hinfährt und Bei mir nicht, wenn nicht. Dann gehts los.

Der Busfahrer fährt die Berge hinauf. Schaumal, sagen die Leute und Oh, wow, denke auch ich, denn die Aussichten sind fantastisch. Auf dem Weg plötzlich ein Örtchen hier, ein Dörfchen da. Mit großen Bewegungen am Steuerrad lotst der Busfahrer sein Gerät um spektakuläre Kurven, an Abgründen vorbei, und rast schließlich, Vollgas jetzt, durch einen Tunnel, der am Ende ein winziges Licht verspricht. Vor den Kurven wird gehupt. Die Hupe ist sehr laut und ein Dreiklang. Ab und zu kommt ihm einer entgegen, der wird mit fächelnden Handbewegungen so lange zurück geschickt, bis eine dem Busfahrer wie seine Westentasche bekannte Biege oder Beuge es zulässt, dass beide aneinander vorbeikommen. Dann kommen wir in Binn an. Der Teenie-Junge macht sich rasch zwischen den Walliser Häusern durch rechts weg nach Hause.

Auf mich wartet U.

 

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In den nächsten Tagen erlebe ich andere Busfahrer. Sie sind alle viel solider als er. Man hat bei ihnen keine Sorge, dass sie versehentlich in den Abgrund stürzen, weil sie ihre Faschingsbrille aufhaben oder einen Moment zu waghalsig werden. Ich habe den größten Respekt vor ihren. Aber als ich ihn mal wieder habe, freue ich mich trotzdem.

Sein Bus ist gut gefüllt mit Schweizer Touristen. Bei der ersten Kurve, in der der Busfahrer die Hupe betätigt, freuen sich die Leute, vor allem die Erwachsenen, so kommt es mir vor. Bei der nächsten Kurve singen sie mit: Post-au-to! Es klingt wie Dü-da-do. Weil das so gut ankommt, hupt der Busfahrer, der, wie ich jetzt erst begreife, eigentlich ein Autofahrer ist, denn die Postbusse heißen in der Schweiz bis heute Postautos, vor jeder Kurve, auch wenns nur ein Kürvchen ist. Das Publikum ist verzückt.

Später recherchiere ich und erfahre, dass der Dreiklang von Rossini stammt. Aus seiner Oper Wilhelm Tell. Ha! Und natürlich ists keine Hupe, sondern ein Posthorn. Ich schäme mich für meine Ignoranz und die übliche verengte Sicht auf die Dinge. Das Postauto ist eine Schweizer Ikone, fährt in die höchsten Bergregionen und hat um 19oo die Postkutsche abgelöst. Ich stelle mir vor, wie mein Busfahrer in einer früheren Welt diese Kutsche gesteuert hätte, die Berge hinauf bei Schnee, Eis und Lawinengefahr, das Gepäck gewuchtet und das Posthorn betätigt hätte. Bis zum Ende seines Arbeitslebens hätten alle ihn gekannt, weil er ein Waghalsiger ist, ein Schnacker mit Akzent, der an jeder Haltestelle eine Lady hat. Statt Brille hätte er vielleicht einen exzentrischen Bart getragen. Und nie wäre ihm was passiert.

Juli 2026 – Schweiz im Juli – zu dir

Ich fahre zu dir

Ich weiß nichts von dir

Du wirst Stimme sein

Haut und Atmosphäre

Ich werde auch da sein

 

Ich wünsche mir nichts von dir

ich bin getrennt von dir

ich brauche nichts von dir

ich bin nicht mit dir

ich bin neben dir 

ich tauche auf 

dann gehe ich

so wie du es wolltest

so wie es sich gehört

so traurig 

wie es ist

Juli 2026 – im Innern

Wie du

deine Zunge versenkst in mir 

als wäre ich etwas zu kosten zu ertasten zu essen zu verschlingen 

während du

hart und 

weich 

von zwei Seiten 

in mir wühlst 

sodass ich mich 

irgendwann

im Innern  

berührt fühle

 

Wie nur 

fühlst du dich 

Juli 2026 – Am Pflegebett

Während du

die Glieder reglos

das Denken wehrlos

von B. das Essen gereicht bekommst

-denn so heißt es korrekt-

erzählt er mir

Löffel für Löffel

von deiner Affäre.

 

Er erzählt davon

in einem gut gespannten Bogen

und konfrontiert mich pünktlich zum Wendepunkt

mit einem Satz aus einem Brief deines Liebhabers:

 

Wie gut, dass deine Tochter nun ihr heimliches Einverständnis gegeben hat.