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Ich bin spät dran, klar, ich bin ja auch mit dem ICE gefahren.
Ich frage den mackerigen Busfahrer mit der albernen Sonnenbrille, wo denn der Bus nach Binn abfährt? Denn auf dem Fahrplan des kleinen Bahnhofs von Fietsch sind keine Haltestellen angegeben und Schilder gibts auch nicht. Der Busfahrer kennt mich schon. Ich bin kurz zuvor um seinen riesigen gelben Postbus herum getigert, der mitten auf dem Vorplatz stand und kryptische Infos auf dem Display hatte. Ich bin nervös. Ich muss den letzten Bus nach Binn erwischen. Der geht um 17:58. (!). Und das hätte er ja sein können.
Er saß wohl drin, der Busfahrer, hinter den dunkel getönten Scheiben. Irgendwann ging gelber Monster-Bus an. Er hat ihn einmal auf dem Vorplatz gedreht und ist von hinten in die kleine Halle gefahren, in die ich ihm gefolgt bin und die für mich eher aussieht wie eine Werkstatt. Dann ist er ausgestiegen. Kante B, bellt er als Antwort auf meine Frage. Aha, sage ich und merke mir das schon mal für falls ich mal ne Band gründen will. Kante B ist, so entnehme ich es der Richtung in die das Busfahrer-Kinn zeigt, die leichte Betonerhöhung in der Mitte der kleinen, halb offenen Halle. Aah. Ich stelle mich dort hin und warte.
Der Busfahrer lässt jetzt den blitzblanken Postbus von einer wie ich finde, spektakulären Waschanlage säubern. Die ist einfach so offen an eine Seitenwand der Halle gebaut und bewegt sich nun einmal automatisch um den Bus herum. Die Anlage verfügt auch über ein Sprühding, das den Bus auch sorgsam an den unteren Seiten absprüht, bis runter zum Unterbauch, mich kitzelt es wohlig, der Bus findet das bestimmt auch angenehm.
Ich bin nicht alleine doof. Auch andere kommen mit Rucksäcken und Koffern und schauen sich suchend um, mangeln mit den Augen den Fahrplan durch, stromern um die Busse auf dem Vorplatz herum, gehen auf die Zehenspitzen, schauen durch die getönten Scheiben, ob sie jemanden hinterm Steuer sitzen sehen, den sie bei seiner Pause stören und fragen können. Einzig ein Teenie-Junge stellt sich abgebrüht neben mich, daddelt.
Busse kommen und gehen.
Schließlich tritt der Busfahrer, denn natürlich ist der Busfahrer mein Busfahrer, die Faschingssonnenbrille hat er nicht abgenommen, aus einer Tür im Hintergrund und fährt seinen frisch geputzten Riesenbus an Kante B. Und zwar auf Kante.
Er öffnet die automatischen Türen und tritt die Treppe herunter, als gehe er zum Abschlussball. Die Wartenden schauen ihm entgegen. Er scherzt mit den Ladies, italienischer Akzent, wuchtet Rollkoffer und Rucksäcke mit baumelnden Wanderschuhen in der Gepäckablage zurecht, legt auch meinen Koffer mit einem Schubs in die Horizontale, sagt auf Anfrage Ja, wenn er wo hinfährt und Bei mir nicht, wenn nicht. Dann gehts los.
Der Busfahrer fährt die Berge hinauf. Schaumal, sagen die Leute und Oh, wow, denke auch ich, denn die Aussichten sind fantastisch. Auf dem Weg plötzlich ein Örtchen hier, ein Dörfchen da. Mit großen Bewegungen am Steuerrad lotst der Busfahrer sein Gerät um spektakuläre Kurven, an Abgründen vorbei, und rast schließlich, Vollgas jetzt, durch einen Tunnel, der am Ende ein winziges Licht verspricht. Vor den Kurven wird gehupt. Die Hupe ist sehr laut und ein Dreiklang. Ab und zu kommt ihm einer entgegen, der wird mit fächelnden Handbewegungen so lange zurück geschickt, bis eine dem Busfahrer wie seine Westentasche bekannte Biege oder Beuge es zulässt, dass beide aneinander vorbeikommen. Dann kommen wir in Binn an. Der Teenie-Junge macht sich rasch zwischen den Walliser Häusern durch rechts weg nach Hause.
Auf mich wartet U.
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In den nächsten Tagen erlebe ich andere Busfahrer. Sie sind alle viel solider als er. Man hat bei ihnen keine Sorge, dass sie versehentlich in den Abgrund stürzen, weil sie ihre Faschingsbrille aufhaben oder einen Moment zu waghalsig werden. Ich habe den größten Respekt vor ihren. Aber als ich ihn mal wieder habe, freue ich mich trotzdem.
Sein Bus ist gut gefüllt mit Schweizer Touristen. Bei der ersten Kurve, in der der Busfahrer die Hupe betätigt, freuen sich die Leute, vor allem die Erwachsenen, so kommt es mir vor. Bei der nächsten Kurve singen sie mit: Post-au-to! Es klingt wie Dü-da-do. Weil das so gut ankommt, hupt der Busfahrer, der, wie ich jetzt erst begreife, eigentlich ein Autofahrer ist, denn die Postbusse heißen in der Schweiz bis heute Postautos, vor jeder Kurve, auch wenns nur ein Kürvchen ist. Das Publikum ist verzückt.
Später recherchiere ich und erfahre, dass der Dreiklang von Rossini stammt. Aus seiner Oper Wilhelm Tell. Ha! Und natürlich ists keine Hupe, sondern ein Posthorn. Ich schäme mich für meine Ignoranz und die übliche verengte Sicht auf die Dinge. Das Postauto ist eine Schweizer Ikone, fährt in die höchsten Bergregionen und hat um 19oo die Postkutsche abgelöst. Ich stelle mir vor, wie mein Busfahrer in einer früheren Welt diese Kutsche gesteuert hätte, die Berge hinauf bei Schnee, Eis und Lawinengefahr, das Gepäck gewuchtet und das Posthorn betätigt hätte. Bis zum Ende seines Arbeitslebens hätten alle ihn gekannt, weil er ein Waghalsiger ist, ein Schnacker mit Akzent, der an jeder Haltestelle eine Lady hat. Statt Brille hätte er vielleicht einen exzentrischen Bart getragen. Und nie wäre ihm was passiert.