Die Blumenfrau
Ich sitze auf der Terrasse vom Hotel Ofenhorn. Eine ältere Frau mit Sonnenbrille liest am Tisch vor mir in ihrem Buch. Sie wirkt gepflegt, weiße Bluse, Chinos, bequeme Schuhe, praktisch, aber ästhetisch wohldurchdacht, die Haare waren erst kürzlich beim Friseur. Wohlhabend, fällt mir noch ein, dieses altertümliche Adjektiv, das einem bei manchen Schweizern hier manchmal in den Sinn kommt, die ihren Reichtum gerne unauffällig gestalten. Ich kann nicht erkennen, was sie liest. Aber sie liest konzentriert und gerne.
Ab und zu schaut sie auf, wie wir alle, und schaut von der Anhöhe, auf der die Terrasse liegt übers Dorf unterm Sommerhimmel: Walliser Häuser mit geneigten Dächern und Balkonen aus Holz, die sich hinter und vor dem Flüsschen, der Binna, aufreihen. Sie wirkt nicht besonders outgoing, die anderen Menschen an den Tischen interessieren sie nicht. Sie ist für sich.
Am nächsten Tag, ich sitze erneut auf der Terrasse, sehe ich sie wieder. Sie tritt aus dem Hotel und geht ein wenig vor den Fenstern der Fassade auf und ab. Ich höre den Kies unter ihren Füßen. Als die Servicekraft kommt, spricht sie sie an, fragt etwas. Ihre Stimme ist leise, ich verstehe nicht, was sie sagt. Das müssen Sie aber nicht, Frau Soundso, das wissen Sie ja, sagt die Servicekraft. Frau Soundso sagt noch etwas Leises. Wenn es Ihnen Freude macht, dann, natürlich, dann machen Sie das, sagt die Servicekraft herzlich.
Die Frau geht zum Fenster. Umgehend beginnt sie mit ihren schlanken Fingern durch die roten Geranien zu gehen, die in den Blumenkästen wachsen. Sie durchkämmt die Stiele, bewegt sie mit raschen, feinen Strichen hin und her, zupft ein paar von ihnen ab, knipst matschig gewordene Blüten weg, alles in einer Ruhe und Geschwindigkeit, die mich an eine Krankenschwester erinnert, die dem Patienten zu seinem Besten ganz kurz ein bisschen weh tun muss. Ich bin beeindruckt.
Nach dem ersten Kasten, die Hand voller Pflanzenresten, sieht sie sich suchend um, steuert schließlich den Tisch im Hintergrund der Terrasse an, auf dem Utensilien für den Service stehen. Sie kommt mit einem kleinen Blecheimer zurück.
Einen Blumenkasten nach dem anderen geht sie durch, immer die Fenster entlang. Ich höre den Kies unter ihren Füßen. Sie liest aus, knipst ab, wirft das flink Entfernte aus ihrer Hand in den Eimer. Die Befriedigung darüber ist ihr anzusehen als sie am Ende kurz ihr Werk betrachtet, dann den Eimer ins Haus bringt, um ihn zu leeren.
Später sehe ich sie wieder. Sie sitzt am Tisch und liest, die Sonnenbrille auf.
Nicht ein einziges Mal habe ich ihre Augen gesehen.
Die Maske
Ich stehe vor einem der Häuser und schaue die Fassade hoch. Dort hängt eine riesige Maske aus Holz: Das verzerrte Gesicht eines Mannes mit dichtem, struppigem Haar. Der Mann vom Mineralienhandel hinter mir schließt für heute seine Türen. Ich deute auf die Maske und frage ihn, was das ist. Das ist der wilde Mann, sagt er mit seinem Schweizer Akzent. Ich soll aufpassen, weil er alle frisst. Okay, nicke ich, ich pass auf. Das ist nach einer alten Geschichte, sagt er, dass ein Mann den Berg heruntergekommen ist und alles kaputt gemacht hat. Ich finde, er sieht ein bisschen traurig und verzweifelt aus, sage ich. Wie so oft erinnert auch dieses Monster und seine Geschichte eher an behinderte oder psychisch kranke Menschen, vor denen man Angst hatte und die unverstanden von der Welt ihrer Wut freien Lauf gelassen haben.
Die Maske kommt von der Schnitzerei im Ort. Auch die Sonnen, die in Binn an vielen der Holzfassaden hängen, sind aus dieser lokalen Schnitzerei. Vater und Sohn waren das, erzählt er mir. Aber nun haben sie zu. Es gibt sie nicht mehr, die lokale Schnitzerei. Eigentlich erklärt er mir, kommt die Tradition mit den Holzmasken eher aus dem Lötschental. Ich schaue ihn überrascht an, denn in meinem Kopf klingelt es jetzt. Aus dem Lötschental, sage ich erstaunt und erzähle ihm, dass ich als Kind von meinen Eltern im Urlaub eine solche Maske geschenkt bekommen habe. In viel kleiner natürlich.
Jahrelang hing sie in meinem Kinderzimmer an der Wand. Ich hatte immer Angst vor ihr. Vor dem Mann mit dem verzerrten Gesicht, das mir vorkam wie geschmolzen. Das Holz war ganz glatt und weich geschmirgelt und hatte eine feine Maserung. Im Mund des Männergesichts prangten ein paar wenige Zähne, und seine Haare, die ich mich manchmal getraut habe anzufassen, waren aus Pferdehaar. Es war borstig und roch auch nach Jahren noch nach Tier. Ich erinnere mich noch an die Schnitzerei in der meine Eltern ihn für mich ausgesucht und ihn mir aufgedrängt haben. Die Wände hingen voll mit zu Grimassen verzerrten Männergesichtern.
Ich dachte immer, er sei aus einem Urlaub in Tirol, sage ich dem Mann, aber meine Eltern haben ihn Lötschi genannt. Also waren wir wohl im Lötschental.
Der Mann erzählt mir noch einen Witz über ein Skelett beim Zahnarzt. Der Zahnarzt sagt zum Skelett, die Zähne sind gut, aber das Zahnfleisch macht mir Sorgen. Während unserer kleinen Unterhaltung hat er jeden gegrüßt, der vorbeigekommen ist. Er kennt hier alle. Bringsch mir Bier, sagt er zu einem Mann, der eine große Ladung Bierkästen mit einer Transportkarre die steile Straße hochzieht. Classic Dad jokes. Ich mache noch ein Foto vom wilden Mann an der Holzfassade, weil ich es so erleichternd finde, dass er mir sympathisch ist.
Später recherchiere ich. Tschägättä heißen die Masken im Lötschental, auch in Tirol und natürlich im Alemannischen sind sie verbreitet. Sie sollen böse Geister vertreiben. Es scheint mir typisch für meine Eltern und ihre Generation, dass sie mir das nicht gesagt haben. Oder haben sies mir gesagt und ich habs nicht hören, sondern Angst haben wollen?
Die Namen des Vaters
Wie immer gefallen mir die sattgrünen Wiesen am besten, die Blumen verteilen sich als Farbtupfer darin. Ich deute darauf und nenne ihre Namen, Löwenmäulchen, Wiesenschaumkraut, wer hat sie mir beigebracht? Mein Vater?
Ich füttere sicherheitshalber Google Lens mit Fotos der Blumen, mein Misstrauen ist ja über Jahre gewachsen, nur um festzustellen, dass keiner der Namen stimmt. Keiner. Falls mein Vater es war, hat er schwer geflunkert, einfach mal was behauptet, damit das Kind eine kompetente Antwort auf seine Frage erhält (und die? und die, Papa? und wie hießt die?!), und einmal mehr beeindruckt ist von ihm und seinem Weltwissen. Stattdessen habe ich es zu tun mit Taubenkropf, Schafgarbe und vielen anderen fälschlich Benannten. Die Schafgarbe wächst manchmal – die Stiele bis hoch übers Gras, die Blüten ein Dach – so dicht auf manchen Wiesen, dass sie aussehen als läge ein fein gehäkelter Schleier über ihnen. Bei den Schmetterlingen, von denen es hier unendlich viele gibt, das gleiche: Alle heißen anders als ich dachte.
Wie lange habe ich keine Schmetterlinge mehr gesehen. Manche setzen sich auf meinen Unterarm, mein Bein, was sie da suchen, finden, mit ihren Fühlern ertasten, Zucker, Salz, wer weiß das schon.
Volgsgenossen
Beim Volg, dem kleinen Landmarkt im Dorf, kaufe ich Hörnlisalat, Ovomaltine und Bircher Müsli. Volg ist eine Schweizer Kette wie Migros, übernimmt aber vor allem die Nahversorgung in kleinen Orten. Vom Mehl übers Deo bis zum Käse aus der Region finden die Anwohner, aber auch die Wanderer, alles. Ein LKW quält sich alle paar Tage die schmalen, kurvigen Straßen nach Binn hoch, um den Volg zu beliefern. Wie so oft denke ich jedes Mal, wenn ich ihn sehe an den Winter und wie es wohl sein muss, wenn hier alles voller Schnee liegt.
Wie so viele Unternehmen in der Schweiz ist auch Volg genossenschaftlich organisiert. Auch das Hotel Ofenhorn, auf das ich von der Wohnung aus schaue, gehört einer Genossenschaft. Ich recherchiere. Versicherungen (Die Mobiliar, ich sehe den Schriftzug auf Gebäuden in den Städten), Car Sharing (Mobility Carsharing ist das größte Unternehmen zu diesem Thema in der Schweiz), Banken (die Raiffeisenbank, klar), die öffentlich-rechtlichen Medien (SRG SSR), Supermärkte (Migros, Coop, Volg) – in allen sogenannten Schlüsselbranchen finden sich sehr erfolgreiche Genossenschaften, die ihren Mitgliedern gehören. Ganz abgesehen von Wohnungsbaugenossenschaften oder Schwimmbädern, den Badis, die oft genossenschaftlich gerettet werden, wenn die Kommune sie nicht mehr finanzieren kann/will, es ist rechtlich einfach, eine Genossenschaft zu gründen. Die Schweiz selbst ist eine Genossenschaft. Die Schweizer sind es seit dem Rütlischwur gewohnt, gleichberechtigtes Mitglied von etwas zu sein und ihre Stimmberechtigung auszuüben. Wer zusammenhält, kann sich von der Herrschaft der Habsburger Vögte befreien. So die Erfahrung.
Mineralien und Brotzeit
Die Gegend ist berühmt für ihre Mineralien. Dreihundert verschiedene Mineralienarten gibt es im Binntal. Ich wandere vom Ortskern aus oberhalb der Binna durch Wiesen bis nach Feld, das je nach Beschreibung auch Imfeld oder Fäld heißt. Dort gibt es ein Mineralienmuseum plus Shop, das ein Schweizer privat aufgebaut hat, um dort seine Sammlung zur Verfügung zu stellen. Er war früher Strahler. So heißen die Mineraliensucher, nach den strahlenden Kristallen, die sie finden. Auch ihre Tätigkeit heißt strahlen. Nur wer ein Strahlerpatent hat, darf heute in der Schweiz Mineralien abbauen. Man muss auch ganz schön ran an den Berg. Abgesehen davon, dass man erstmal ins Hochgebirge kommen muss, erzählen die im Museum ausgestellten Werkzeuge, die mitgeschleppt werden müssen, wie Strahlstock, Fäustel, Meißel, Klüfthaken, auch davon, wie hart man dem Felsen seine glitzernden Versprechen abtrotzen muss.
Ich schaue mir gerne die Farben und verrückten Formen der Steine an, bin aber auch offen gesagt, schnell gelangweilt. Viel mehr beschäftigt mich der Mann, der das Museum betreibt. Er ist schon älter, nicht mehr gut zu Fuß. Er hat es geschafft, seinen Nachlass über eine Stiftung für die Öffentlichkeit zu sichern, siehe oben, die Schweizer eben.
Als ich ankomme, steigt er aus einem Auto, um seinen Laden zu öffnen. Ein Freund hat ihn gefahren. Oder ist es seinFreund? Aus irgendeinem Grund, vielleicht weil sie so still vertraut miteinander umgehen, denke ich, dass er vielleicht gay ist und der Mann sein Partner. Sofort läuft vor meinem inneren Auge eine Brokeback Mountain Geschichte in den Hochalpen ab, eine romantisch-erotische Beziehung, die nur dort oben, in der Abgeschiedenheit der Berge, nach schweißtreibender Arbeit und der gemeinsamen Suche nach zarten, glänzenden Schätzen, abends am Feuer und später im Zelt, entstehen kann.
Aber wahrscheinlich ist alles ganz anders.
Den Lehrpfad und die Grube Lengenbach, in der man selbst „klopfen“ darf, lasse ich für heute aus. Mich ziehts zurück nach Binn ins Restaurant Brücke auf eine Walliser Käseschnitte.
Die geht so:
Eine große dicke Scheibe Brot (Ruchbrot, das ist das gängigste dunkle Brot in der Schweiz, gibt’s auch mit Sauerteig) in Bratbutter anrösten. Das Brot kommt auf ein mit Backpapier ausgelegtes Blech wo es mit Weißwein beträufelt wird. Der kann auch, wenn man mag, mit Gemüsefond gemischt sein. Auf das Brot kommt Walliser Raclette-Käse-Mischung AOP. Das Brot im Ofen bei vorgeheizten 200 Grad bei Ober- und Unterhitze für 10 Minuten backen. Dazu gibt’s Pickles – Gurke und Silberzwiebel sind die Klassiker.
Also praktisch Fondue auf dem Teller!
Es gibt natürlich tausend Varianten, um die Schnitte noch ein bisschen dicker zu machen: Tomate, Schinken unter den Käse legen, ein bis zwei Spiegelei auf den Käse obendrauf oder man verpasst der Käseschnitte einen Twist mit Birne. Man kann auch die Käsemasse mit Eiern vermengen bevor man sie aufs Brot legt. Aber ich finde die ganz einfache Variante am besten. Grilled Cheese a la Wallis.
Spiderwoman
Nachts lassen wir die Fenster offen. Die Luft ist lau, die Wiese riecht süßlich nach Kuhmist. Am nächsten Tag sind viele Spinnen in der Wohnung. Alle vom gleichen Typ. Der Körper etwa zwei Zentimeter groß, die Beine dünn und lang. Sie verstecken sich gerne zwischen Vorhangfalten. Ich mag sie nicht. Wirklich gar nicht. Nachts träume ich von ihnen und habe bei jedem Gekitzel Sorge, dass gerade eine über mich läuft. Ich nehme mir vor, endlich mal was über Spinnen zu lesen, vielleicht lindert das die Angst. Ich weiß nicht mal, ob sie eigentlich Augen haben und wenn ja, was sie eigentlich sehen. Wie sehe ich aus für sie? Wissen sie, dass ich Augen habe? Schauen sie mir in die Augen, ohne dass ich es mitbekomme?
Acht Augen, Leute! Und je nach Art (Jagd-, Lauer- oder Netzbau-Spinne) ist von blind bis Farbensehen eine Menge möglich. Alles natürlich total faszinierend, aber eine Louise Bourgeois wird nicht mehr aus mir.
Am Bachlauf und an den Wegen alles voll mit … Google Lens? Weideröschen!
Wir baden in der Binna. Dicke weiße Steine liegen wie vom Riesen hingeworfene Kiesel im Flussbett herum und haben kleine Becken für uns gebaut. Das Wasser ist kalt. Draußen ists warm. U jauchzt. Ich ziehe mein Shirt aus. Danach Socken anziehen auf nasse Füße, ich lieben diesen Kneipp Klassiker.