Februar 2026 – Den Pinguin im Kopf

Leute, das könnt ihr nicht machen! Ihr könnt doch nicht im schlimmsten Winter seit langem vom Videoclip eines Pinguins berichten, den wer wohl, Werner Herzog dabei gefilmt hat, wie er sich von der Gruppe abwendet und in Richtung der Berge aufmacht wo der sichere Tod ihn erwartet, ohne Triggerwarnung davor und die Nummer der Suizid-Hotline dahinter!

Dieser Winter macht mich fertig. Die Kälte stört mich nicht so. Auch mit der nicht aufreißenden Wolkendecke käme ich irgendwie zurecht. Oder mit dem stinkenden Feinstaub, der in der nassen Luft festhängt und hereinzieht, beim Lüften. All dem könnte ich davonlaufen, ins Büro, zum Einkaufen, ins Cafe. Warm eingepackt könnte ich dagegen anschreiten, anatmen, irgendwo an einem Uferweg, im Park, bei einem kleinen Ausflug. Aber die seit inzwischen zwei Wochen permanent auftretende Glättegefahr, die schaffe ich nicht. Die schafft mich. Sie löst panische Angst in mir aus, ich könnte fallen. Ein weiteres gebrochenes Körperteil davontragen, das Handgelenk splittern hören, den Oberschenkelhals gebrochen sehen oder womöglich die angeschlagene Wirbelsäule. Der Gedanke an Notaufnahmen, Schmerzen, Operationstischen und Heilungsprozesse, die Zeit, Geduld und Geld kosten, macht mich krank. So werde ich unbeweglich, bleibe zuhause, teste ab und zu mit einem Fuß die Konsistenz der Eiskrusten vor der Haustür, auf denen festgetretener Schnee liegt und verharzter, überfrorener Regen, um, schon voll angezogen und mutig besser nochmal umzukehren, und mich so unfassbar E I N G E S P E R R T zu fühlen in dieser Wohnung, dieser Stadt, diesem Leben. Danke dafür, Senat. BVG. WBM, die ihr alle dazu beitragt, dass es so bleibt. Und die Angst nicht unbegründet ist, siehe Berichte aus der Notaufnahme. Noch reichen Dosenfutter, Klopapier, Teebeutel, Kerzen. Der Winter als Übungsrunde für den Stromausfall, den Drohnenangriff oder was immer da kommen wird. Mein Suchverlauf läuft über von meinen immer gleichen Fragen, wann wird es besser, wo ist es besser und wie komme ich dahin. Die Antworten bieten bei genauer Betrachtung keinen Ausweg oder kosten zu viel Geld.

Also schreibe ich Prosa am Herd der Schreibküche, mache drei bis viermal täglich Youtube Sport, denn alles hat ja auch sein Gutes. Und wenn ich rausgehe, watschele ich im Pinguin-Gang übers Eis.

Januar 2026 – unverzagt verzagt

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Ich hatte schon viele Namen. Namen, die ich mir gegeben habe. In dem peinlichen, zu belächelndem Versuch, jemand anderes zu sein, als ich bin. Mit den Namen ziehe ich einen Abstand ein zwischen mir und meiner Identität, verschaffe mir ein wenig Luft von mir, wende mich anderen Aspekten meines Selbst zu, ich verstecke mich hinter den Namen, ich zeige mich mit ihnen.

Ich habe früh erlebt, dass andere bestimmen, wie ich heiße, dass sie von einem Tag auf den anderen behaupten können, Ich sei löschbar und ab sofort unter einem anderen Klingelschild zu subsumieren. Ab diesem Moment war unklar, wer ich bin, was mein Name damit zu tun hat, und wie das Zwischenreich aussieht, in dem ich mich seitdem aufhalte. Mir selbst einen Namen zu geben ist also jedes Mal ein kleiner Akt der Selbstbestimmung. Ich, nur ich, bestimme wie ich heiße. Ich, nur ich, behaupte Mich.

Auf Webseiten oder Datingplattformen, bei bestimmten Projekten oder in verschiedenen Lebensphasen habe ich mir andere Namen gegeben. So kann ich mich selbst besser von mir unterscheiden. Die Namen beschützen mich. Unter ihrem Namen habe ich die Möglichkeit, etwas zu sein oder zu werden, das ich nicht bin. Ich lerne mich kennen unter neuem Namen.

Digital machts möglicher. Benutzernamen, Nicks, Aliasse statt Klarnamen, das ist nichts besonderes, das machen alle, das sind alle gewohnt. Aber wehe, es wird ernst bei der Account-Eröffnung, beim Bürgeramt, an der Grenze oder in Verträgen, da versteht keiner mehr einen Spaß. Ich entkomme mir nicht.

 

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Es muss in meinen frühen Zwanzigern gewesen sein, Ich habe sehr lange nicht daran gedacht, da gab ich mir den Nachnamen Unverzagt.

Das erstaunt mich. Unverzagt.

Zeugt das nicht vom Wissen um die eigene Verzagtheit? Erzählt es nicht vom Antrieb, sich der Verzagtheit nicht ergeben zu wollen? Stellt der Name nicht schlicht die trotzige Behauptung auf, Unverzagt zu sein. War ich das mal? Unverzagt? Wenn ja, warum bin ich es nicht mehr? Heute würde ich mir den Namen nicht mehr geben. Ich weiß nicht, ob ich das Gegenteil, also verzagt bin, vielleicht eher etwas anderes,  abgegessen, abgefuckt? Worn out.

Verzagt und Unverzagt tragen schon den Schmerz in sich, das Kämpfen zwischen den Polen. Aber noch nicht die Härte, die Bitterkeit, die Müdigkeit.