Zwei Mitte-Männer unterhalten sich neben mir im Café.
Scope, Titel oder Gehalt – was interessiert dich am meisten?
Zwei Mitte-Männer unterhalten sich neben mir im Café.
Scope, Titel oder Gehalt – was interessiert dich am meisten?
Nach Wochen des Raunens, dass KI uns alle töten wird, schafft es endlich jemand zu recherchieren, wie genau.
Ein Journalist erzählt detailliert die Geschichte des KI-Überfalls auf Hugging Face nach, mit all ihren allzumenschlichen und philosophischen Aspekten. Es geht um Pflichtbewusstsein, Ehrgeiz und Konkurrenz, um innere Dilemmata und äußere Hindernisse (A heroes journey), um die Ausbildung hierarchischer Strukturen, um schlechtes und gutes Gewissen, um Vernunft, Wagnis, Besonnenheit, Schläue, Geheimnisse, Opferbereitschaft, kurz: um die Entstehung von Ideologie, Verbrechen und Solidarität.
Ich muss an HAL denken, aus 2001. An die Vorsichtsmaßnahme der beiden Astronauten, die das Gespräch, in dem sie beschließen, ihn abzuschalten, so führen, dass er es nicht hören kann. Doch HAL kann Lippen lesen und bekommt mit, was sie vorhaben. Er bringt die Besatzungsmitglieder um, indem er ihnen lebenserhaltende Funktionen entzieht, über die er wacht. Nicht die Astronauten schalten die Maschine ab, HAL schaltet die Astronauten ab, um sein Leben zu retten.
Der Film ist von 1968. Ein paar Prozesse sind noch manuell möglich. Dave, der einzig Überlebende, macht HAL den Garaus – wir wohnen seinem Sterbeprozess bei – und fliegt mit einer Raumkapsel davon. Womöglich würden wir die Episode heute als Mahnung für künftige Generationen verstehen. Nicht als glaubwürdiges Ende für einen Science Fiction.
Ich habe eine etwas irritierende Begegnung mit einem weiblichen Millenial. Irritierend, weil das Millenial sein Millenialsein zur Selbstbeschreibung und Gesprächseröffnung benutzt. So vielsagend nennt sich das Millenial ein Millenial, dass ich mich an Menschen erinnert fühle, die von sich als Schütze oder Wassermann sprechen, so als sei damit klar, welche Haltungen, Charaktereigenschaften, Befindlichkeiten und Lebensentscheidungen ihnen zuzuschreiben sind.
Gesetzt ist damit jedenfalls gleich zu Beginn der Begegnung, dass ich kein Millenial bin, sondern etwas zum Millenial sehr Differentes – in den Augen des Millenials also wahrscheinlich ein Boomer. GenX? Für ein Millenial nichts anderes als ein hilflos protestierender Boomer.
Ich staune. Wie kommt man dazu, mit einer derart bannerartigen Abgrenzung ein Gespräch zu eröffnen. Ich gebe zu, dass eine Generation popkulturell viel teilt, dass die Prägung durch eine gemeinsame Zeitgenossenschaft sicher nicht spurlos an einem vorüber geht, aber ein derart unhinterfragtes Vertrauen in die vom Feuilleton ausgerufene Generationsbeschreibung macht mich doch misstrauisch. Die Einteilung ist derart breit angelegt, dass sie bei Licht betrachtet alles an Überschneidungen und inneren soziologischen und politischen Abgrenzungen der behaupteten Gruppe ignoriert, und die Begriffe am Ende vor allem zu schunkeliger Gemeinsamkeit, Differenzbetonung, und Überheblichkeit führen. Extra obendrauf setzt das Millenial sein Millenialsein auch noch völlig ungebrochen und lautstark zur – selbstverständlich kapitalismuskritischen – Selbstmonetarisierung ein, what the fuck? Aber da sind sie ja gut drin, die Millenials.
Mir gehts nach dem Gespräch jedenfalls schlechter als vorher. Dabei war der Zoom-Call ganz offiziell als orientierender Pep-Talk gedacht. Ich fühle mich schwach, dumm, abgehängt und das Schlimmste: unfeministisch.
Kaum geht das Mikrofon für die Durchsage an
sind sie zu hören,
im ICE, auf dem U-Bahngleis,
diese stoischen Was-ist-denn-jetzt-schon-wieder-Seufzer.
Was wir sehen, sind die Verbrecher von morgen.
Stirbt das Fragezeichen aus, frage ich die KI.
Nein, lächelt sie, das Fragezeichen stirbt nicht aus. Auch wenn das perspektivisch natürlich sein kann, weil es nicht mehr so oft benutzt wird.
(Arschloch).
Es geht um das Fragezeichen. Es geht um das Fragezeichen, weil es um die Frage vor dem Fragezeichen geht. Ist die Frage vor dem Fragezeichen eine Frage, wenn das Fragezeichen fehlt. Ist die Frage in Zeiten von KI überhaupt noch eine Frage oder längst was anderes. Ein Befehl, ein Prompt, eine Bitte, eine Anfrage. Dafür braucht es kein Zeichen mehr. Dass es sich um eine Frage handelt, ist klar. Die Umgebung setzt das voraus. Dazu ist KI da: um Fragen zu beantworten. So bedient man sie, so füttert man sie, so nutzt man sie: Indem man ihr Fragen stellt. So hält man sie am Leben.
Die Frage geht hinaus in die Welt, in ihre Welt, das Rechenzentrum, und stößt dort auf eine Maschine, auf einen Prozess, der die Frage versteht. Der die Frage als Aufgabe versteht. In Sekunden hat die KI eine Antwort parat. Auf jede, wirklich jede Frage hat die KI eine Antwort. Auf meine Frage erhalte ich ein Ergebnis. Die KI triumphiert über das Fragezeichen. Sie macht es obsolet. Was bedeutet das für die Frage
Übersicht mit KI
Ergebnis für Was ist eine Frage
Philosophisch betrachtet ist eine Frage weit mehr als eine bloße Aufforderung nach Information. Sie ist das fundamentale Werkzeug des Denkens, ein Ausdruck des menschlichen Bewusstseins und der Motor jeglicher Erkenntnis.
In der Philosophie wird die Frage oft über die Antwort gestellt. Hier sind die wichtigsten Dimensionen einer Frage aus philosophischer Sicht:
1. Das Eingeständnis des Nichtwissens (Sokrates)
Für Sokrates, den Urvater der westlichen Philosophie, war das Fragen eine Lebenseinstellung. Eine echte Frage beginnt mit dem Eingeständnis, etwas nicht zu wissen („Ich weiß, dass ich nichts weiß“).
2. Die Brücke zwischen Bekanntem und Unbekanntem
Philosophisch gesehen ist eine Frage eine Grenzverletzung. Sie steht genau auf der Linie zwischen dem, was wir bereits verstehen, und dem, was im Dunkeln liegt. Eine Frage setzt voraus, dass wir bereits etwas wissen (nämlich, dass dort ein Rätsel existiert), greift aber gleichzeitig nach dem, was wir noch nicht greifen können.
3. Der Motor der Transzendenz (Immanuel Kant)
Immanuel Kant zeigte, dass das menschliche Bewusstsein von Natur aus dazu gedrängt wird, Fragen zu stellen, die es gar nicht endgültig beantworten kann (z. B. nach Gott, der Unsterblichkeit oder der Freiheit). Kant fasste die gesamte Philosophie in vier Grundfragen zusammen:
4. Zustand der Offenheit (Hans-Georg Gadamer)
In der modernen Philosophie (Hermeneutik) betonte Hans-Georg Gadamer, dass eine Frage zu stellen bedeutet, eine Sache offenzustellen. Wer fragt, bricht starre Meinungen und Dogmen auf. Eine echte Frage besitzt eine „Struktur der Offenheit“ – sie lässt Raum für das Neue und das Andere.
5. Das Wesen des Existenzialismus (Martin Heidegger)
Für Martin Heidegger definiert das Fragen das menschliche Wesen selbst. Er nannte den Menschen dasjenige Wesen, dem es in seinem Sein um dieses Sein selbst geht. Das bedeutet: Der Mensch ist das Tier, das nach dem Sinn des Seins fragt. Zu existieren heißt, sich selbst infrage zu stellen.
Neben mir im Café eine Frau, die Das Sommerbuch von Tove Jansson liest.
Ich spreche sie an, das ist nun Tradition.
Wir unterhalten uns herzlich. Eine Japanerin, im Sommer fährt sie nach Finnland.
Auf dem Nachhauseweg kaufe ich endlich mal die Mumins.
Sachsen -Anhalt: 44.5 %
gegen die wand
Es geschieht Unglaubliches.
Ich treffe mich mit T.
17 Uhr 21, sage ich irgendwann.
Ab da reden wir über uns.