Dezember 2025 – Die Stadt

verbraucht. 

 

Alles was

schon immer zweifelhaft charmant war,

heruntergekommen. Elend gar.

Menschen, die man kennt, Menschen, die man ignoriert. Hier hat sich einer umgebracht und dort, hier hat der gewohnt und dort. Wenn der kommt, komm ich nicht, wenn ich die einlade, kann ich den nicht einladen. 

Wie erst muss es sein, wenn man tindert oder grindert oder eine der, wie der Tagesspiegel nicht müde wird zu berichten,  ständig stattfindenden Sex-Partys besucht, sich durch die Menschen der Stadt gepflügt hat

wie durch Ackerland. 

Bye bye, Berlin

wohin haben sie uns nicht verraten.

Der Abschied bleibt. Die Frage

offen

 

Dezember 2025 – geblähte Nasenflügel

Ich gehe zu einer Veranstaltung mit Dorothee Ellmiger. Ich bin Fan, irgendwie. Das hab ich selten. Sehr selten. Der Saal ist fast voll, als ich ankomme. Ich finde nur noch einen Platz, von dem aus ich sie nicht sehen werde. Nur manchmal verschiebt sich die Menge so vor mir oder bewegt sie sich auf dem Podium für einen Moment so, dass ich einen Eindruck von ihrem ebenmäßigen Gesicht bekomme und ihren immer wie gebläht wirkenden Nasenflügeln. Meine Vorstellung fliegt zu ihr.

In meiner Tasche liegt das Buch, das sie geschrieben hat, oben und an der Seite gucken kleine Post-its raus, die ich mit Notizen versehen habe. Ein Gütesiegel. Das Buch sieht aus wie ein Aktenschrank. Man kann mit den Fingern hineinfahren, an den Stellen wo die Post-ist sind, und sich angucken, was ich merkenswert fand. Ich habe mir vorgestellt, dass ich mich nach der Lesung in die Schlange zum Signieren stellen und ihr das Buch hinlegen werde. Ich werde mich dafür bedanken und sagen, dass man ja sehen kann, wie anregend ich es fand. Am Ende der Veranstaltung, die eigentlich eine Radiosendung ist, wird sie gar nicht signieren.

Sie liest zwei Auszüge und dazwischen gibt es interessante Fragen und Gedanken zum Buch von zwei namhaften KritikerInnen und einer Autorin. Nach der Veranstaltung verlasse ich schnell den Saal, weil es schon spät ist und der Weg zurück vom Wannsee weit und ich zudem wie schon im Vorfeld von dem Gedanken erfasst werde, dass U da sein könnte, womöglich auch noch mit Freunden oder seiner Freundin oder gar Dorothee Ellmiger selbst seine neue Freundin sein könnte, denn sie ist ja aus der Schweiz und passt auch sonst krass ins Beuteschema.

Ihre Geschichte besteht aus Geschichten und entwickelt eine atmosphärische, existentielle Düsternis, die ich in vielen aktuellen Produktionen wahrnehme (Sirat, In die Sonne schauen, Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald). Die Frauen in Die Holländerinnen bewegen sich sehr selbstverständlich durch die Welt, als gingen sie davon aus, sie könnten sich dort bewegen und aufhalten und gehörten überallhin. Sie sagen zu, allein auf eine Herde Schafe aufzupassen. Sie nehmen den mühsamen Weg in einen Dschungel auf sich und begeben sich auf eine Wanderung bei der sie leicht in Gefahr geraten können. Es ist nicht so, dass alles klappt, was sie da machen, aber sie begeben sich auf eine wie mir scheint männliche Weise in diese Situationen, also ohne sich mit Bedenken oder Irritationen aufzuhalten. Sie scheinen keine Angst zu haben und dementsprechend nicht einmal Mut zu brauchen.  Und doch erzählen die Geschichte und viele der Geschichten in der Geschichte, von der Gewalt in der Frauen leben.

Zuhause schaue ich mir ihr Foto auf der Zeit-Sonderausgabe an, ihr Gesicht scheint mir von einem klaren, klugen Menschen zu erzählen, der Mut hat.

Ich muss an das denken, was U gesagt hat über seinen Eindruck von den Schweizern. Endlich mal Menschen ohne diese ganzen historischen Belastungen wie in Deutschland immer, oder in Polen.

Ich wäre so gerne zusammen mit ihm zu dieser Lesung gegangen.

Dezember 2025 – Verlauf

Das dringende Bedürfnis, den Verlauf zu speichern,

den Gedankenverlauf, den Leseverlauf, den Gefühlsverlauf, den Bewegungsverlauf, den Internetverlauf, den SocialMediaverlauf, den Konsumverlauf, den Caféverlauf, den Watchverlauf.

Der Verlauf scheint mir unendlich wichtig, als sei eine Wahrheit in ihm, ein Wissen, das nirgendwo sonst zu finden ist. Es macht mich verrückt, dass ich nicht track keepen kann über den Verlauf.

Wenn ihr wüsstet, denke ich.

Ihr müsst das doch wissen, denke ich.

Wie oft ich durch meine Wohnung gehe und diejenigen vor mir sehe, die sie ausräumen werden, den Transporter vor der Tür.  Die nicht eine einzige Geschichte wissen, keine Liebe sehen, keinen Schmerz, keinen Gedanken. Das ist der Lauf der Dinge.

Der Verlauf hat keine Zeugen. (Außer den Tec-Companies)

Er geschieht im Geheimen.

In der Abgeschiedenheit.

 

Dezember 2025 – Kann ich dich mal penetrieren?

Ich schiebe es tagelang vor mir her, dann erst spreche ich A. auf die sexistische Bemerkung an, die er mir gegenüber gemacht hat.

Boomer geprägt, Gen X sozialisiert und in der Ironie-Falle der 90er Jahre erwachsen geworden, bin ich ja allzeit bereit, diese Art von Scheiße zu ignorieren, beziehungsweise sie direkt ins innere dark hole zu verschieben, das, dehnbar wie es ist, voller wird, je länger man lebt, liest und leidet. Aber irgendwas hat diesmal Knacks gemacht. Mehrfach ertappe ich mich dabei bei ebay-Kleinanzeigen nach einer anderen Bürogemeinschaft zu suchen, während ich parallel ausgiebig über die ganze Sache nachdenke und sie mit anderen (als A.) bespreche.

Natürlich habe ich im Moment des Moments nichts gesagt, sondern das getan, was gut trainierte, unproblematische Elasti-Girls wie ich so tun, wenn die Scheiße auf sie zufliegt, ausweichen, auffangen, abfedern, und die Wut – noch bevor sie auftritt, ach, diese weiblichen Superkräfte! – in ein rosa Zuckerwattebällchen verwandeln. Hat ja gar nicht weh getan.

Es dauert vier Tage, dann spreche ich ihn darauf an. Ich weiß, es kommt jetzt vor allem auf eins an: Seine Reaktion. Während ich vor ihm stehe halte ich mich innerlich an zwei imaginären Armlehnen eines imaginierten Sessels fest, um ruhig und entspannt zu bleiben einerseits, um mich von dort abstoßen, aufspringen und auf den Tisch hauen zu können. Oder ihm eine rein.

Ich schildere ihm die Situation auf die ich mich beziehe und als ich beim entsprechenden Moment angekommen bin, frage ich ihn – ein bisschen Cop-Style zugegebenermaßen, aber jetzt ists eh schon egal mit der High Road – ob er sich an den Satz erinnern kann, den er zu mir gesagt hat? Nein. Sagt er. Und ich bin mir sicher, dass das keine Taktik ist, sondern stimmt. Warum auch sollte er sich daran erinnern? In meinem Kopf hat der Satz viel Raum eingenommen in den letzten Tagen, mich hat die Situation mit all den ihr anhängenden Aspekten beschäftigt, ihn nicht.

Ich zitiere seinen Satz. Oh, sagt er. Und entschuldigt sich. Umgehend.

Ich spreche noch ein bisschen weiter. Versuche zu beschreiben, dass es nicht das erste Mal war, dass ich Bemerkungen von ihm   herabwürdigend fand. Maus, Mäuschen, habe ich schon von ihm gehört, und als einzige Reaktion auf meine Schilderung einer Ausstellung, die ich besucht habe: Du bist ja auch so ein Kulturhäschen. Das würdest du doch zu keinem Mann der Welt sagen, sage ich. Da hat sich was aufgestaut, sage ich.

Es gibt noch eine andere Sorte Bemerkungen, die er macht. Die oben Beschriebenen gehören zur ersten Gruppe, sie treffen mich oder andere direkt. Zur zweiten Gruppe gehören die Witze, die er gern macht, anzügliche Witze, mal eben so rausgehauene Sprüche, die sexuelle Anspielungen enthalten und die er gerne fallen lässt, wenn die Runde größer ist. Dad-Jokes könnte man sie nennen, weil sie eher peinlich und lahm sind. Aber oft verbreitet er damit eine klamme Atmosphäre, erzeugt ein cringe-Gefühl, über das alle aktiv hinwegsehen müssen, schnell weiter im Text, vielleicht mal ein halber Lacher von irgendwo. Man fängt es, man fängt ihn auf. Den armen Mann. Ein schützenswerte Wesen.

Ich erinnere ihn an eine Situation am Tisch, die wir kürzlich hatten, in der er in netter Runde mitten im Gespräch von zwei Frauen (!) eines dieser Witzchen gerissen hat. – Niemanden hat die Bemerkung direkt getroffen. Wie immer haben ihn alle ignoriert. Bei allen landet die Bemerkung im Dropbox-Ordner „Der A. halt mal wieder“. Ist es das, was er will,  der Stromberg des Büros sein? Das denke ich nur, das sage ich nicht. –

Er ist verständnisvoll meinem ersten Punkt gegenüber, also der Beschwerde über den an mich gerichteten Satz. Sagt, ja, kann er verstehen und beschreibt nochmal, wie der Satz, um den es geht, gemeint war. Er wollte fragen, ob er mich mal kurz stören, belästigen, mit einer Frage nerven darf. Also eigentlich was ganz Nettes, Respektvolles, Defensives. Das hab ich auch so verstanden, sage ich ihm. Dass du das nicht literally gemeint hast, das war mir klar. Ich finde es trotzdem unangemessen. Er entschuldigt sich nochmal, sagt, ja, okay, und dass er es echt sehr gut findet, dass ich es anspreche. Dann weiß er ja jetzt, dass er da achtgeben muss, weil ich da überempfindlich bin.

Ich bin nicht überempfindlich, protestiere ich prompt und halte mich an den imaginären Armlehnen fest, er rudert rasch zurück, Sensibel, schlägt er vor, das ist ja was Positives, Nein, sage ich, ich bin weder überempfindlich noch sensibel, dein Verhalten ist unangemessen! Dann schildere ich nochmal die Sache mit dem Witz und versuche ihm zu sagen, dass ich finde, dass er damit manchmal einfach eine bestimmte Atmosphäre im Büro erzeugt und Gespräche kaputt macht.

Jetzt protestiert er. Sieht er nicht so. Sein witziger Spruch, den ich als Beispiel für Kategorie II angeführt habe und der aus der Unterhaltung am Tisch heraus entstanden ist, Besser zwei Streicher in der Familie als zwei Stricher, sei einfach ein Wortspiel gewesen. Das ist halt Humor.

Als ich später über das Gespräch nachdenke, wird mir klar, dass er die beiden all time classics männlicher Abwehrreaktion gegen solche Art von Beschwerden ins Feld geführt hat. 1. Du bist überempfindlich. Heißt so viel wie: Psycho halt, wie die Frauen so sind, da muss man aufpassen, was man sagt, zumal heutzutage, wo die alle so woke sind, und immer gleich denken, sie werden diskriminiert, dabei wars doch nur nett und witzig gemeint. 2. Das ist Humor. Heißt so viel wie: Du hast keinen. Kennt man ja, weiß man ja von diesen ganzen emanzipierten, sauertöpfisch dreinschauenden Zicken, die nicht lächeln, keinen Spaß verstehen und mit ihrer Spielverderber-Attitüde die lockere Atmosphäre kaputt machen.

Am Ende des Gesprächs bin ich froh, dass ich es geführt habe, weiß aber auch, er hat es nicht verstanden. Ich weiß, er wird Rücksicht nehmen in nächster Zeit, auf meine Überempfindlichkeit und meine Humorlosigkeit. Er wird, wie ich erfahren werde, den anderen sagen, dass es mir ja gerade auch nicht so gut geht (Trennung, underfucked, keine Tage mehr). Dass sich sein nett gemeintes Wortspiel, seine dumme kleine Bemerkung, Kann ich dich mal penetrieren, in meinem Kopf am Ende des Jahres Zweitausendfünfundzwanzig mit den Zahlen zur Häuslichen Gewalt verbindet, mit dem Fall Gisèle Pelicot, den Epstein Files und so weiter und so weiter und so weiter, das kann er ja nicht wissen.

Oder?

In jedem anderen Office bei der Bahn oder der Bank wäre das möglicherweise schon ein Compliance Fall, aber hier im ach so achtsamen Büro in Kreuzberg toleriert man das, genau wie den Müll und die Ratten, und hält die Fahne von Freiheit und individuellem Lifestyle hoch. Gut, A. hat keinerlei Macht über mich. Er ist nicht mein Chef, nicht mein Kollege, nur ein Mitbewohner, okay, er hat den Mietvertrag, aber sonst. Ich kann jederzeit gehen, wenn es mir nicht passt. Egal, was ich tue und wie ich mich entscheide.

Er wird bleiben.

 

 

Dezember 2025 – Kontext

Eine der Frauen von Pussy Riot erzählt in einem Artikel von einer der Aktionen der Gruppe. Damit hatten sie gegen die Sperrung von Telegram durch die russische Regierung protestiert. Der Besitzer, Pawel Durow, hatte sich geweigert, Chats an die Behörden weiterzugeben.

Pawel Durow hier also ein Freigeist, der sich gegen ein autoritäres Regime auflehnt, sein Messenger-Dienst eine zensurfreie Plattform für offenen Meinungsaustausch. Pawel Durow andererseits ein Angeklagter in Frankreich, das er nicht verlassen darf, weil er sich nicht an die Regulierungsauflagen für Social Media-Unternehmen hält, mit denen die EU versucht, die Verbreitung von Hass, Hetze, Rechtsextremismus, Gewalt, Kinderpornografie und Geschäften der organisierten Kriminalität einzudämmen.

So ist das mit der Freiheit und dem Aktivismus. Kontext is key.