März 2026 – Deep Faker II

„Von der Kunstfreiheit gedeckt“ bekommt plötzlich eine ganz andere Schlagseite.

Hinter Jerks versteckt sich also ein real existierender male predator und macht, dass ich mich scheiße und schuldig fühle, dumm und naiv natürlich sowieso, wie bei jedem Betrug, weil ich die Serie mit ihren beiden außergewöhnlich unerträglichen Hauptfiguren und ihrem harten Humor so gut und witzig fand. Danke dafür, dass du uns auch noch die Kunst kaputt gemacht hast, Ulmen.

März 2026 – Deep Faker?

Im Auto fragt mich ein Freund: Und, was sagst du zu Collien Fernandes?

Ich mache eine abwehrende Geste, schüttle den Kopf, ich will nicht darüber reden. Warum nicht? Ist es nicht das, was wir wollen, Männer, die uns das fragen, Männer, die die Sache beschäftigt? Ist es nicht das, worüber ich unbedingt reden will, mit Männern, weil es mich beschäftigt?

Das Frage macht mich wütend, hilflos, sie evoziert Gefühle von Ohnmacht, Fassungslosigkeit, Ratlosigkeit, das ist so überwältigend,  dass mir die Worte fehlen. So ist es immer, wenn ich mit Epstein, Rammstein, dem nächsten Femizid, den Zahlen zu häuslicher Gewalt, dem Fall Pelicot, den Alexander-Brüdern, dem Chem-Mehrfach-Vergewaltigungs-Prozess um einen medial blass gebliebenen chinesischen Mann mit vielen Followern und nun dem Fall Fernandes konfrontiert bin und darüber reden soll. Ich winke ab und bleibe stumm. (Wobei ich nicht weiß, ob man den Fall Fernandes so nennen sollte, von ihr oder Ulmen erzählt er nur am Rande). Etwas an der Frage macht eine emotionale Kluft auf zwischen dem fragenden Mann und mir, von der ich gar nicht weiß wo anfangen, sie zu überbrücken.

Ich verfolge diese Fälle, die in den letzten Monaten und Jahren in einem ähnlich atemberaubenden Tempo wie Posts von Trump an die Oberfläche schwappen, recht genau. Ich glaube nicht, dass diese Themen in den Algorithmen meiner männlichen Freunde so häufig vorkommen wie in meinem. Warum auch, es betrifft sie ja nicht. Ich verstehe das. Ich bin ja auch nicht die  Oberverfolgerin von Postkolonialismus, Rassismus und Migrationsthemen, obwohl ich als weiße, privilegierte Person das Spiegelbild zu diesen Themen bin. Oder hinkt der Vergleich?

Die Frage kommt mir falsch vor, etwas an ihr ärgert mich. Kommt es daher, dass sie gestellt ist, als ginge es um ein Promi-Thema aus den Tabloids (Collien und Christian, das gefallene Traumpaar), zu dem man eben mal bei einem Small Talk auf dem Weg ins Grüne ein paar zu erwartende Worte sagen kann: Schrecklich, so krass, unfassbar, wie mutig. Betroffen schütteln wir alle, Männer wie Frauen, den Kopf. Dann gehts weiter zum Co-Thema KI als Fluch und Segen. Aber das ganze Ding ist zu groß für Plauderei. Das ganze Ding hat sich verknüpft mit all den anderen oben genannten Fällen und Ausmaße angenommen, die es unmöglich machen, diese Frage mal so nebenher zu beantworten. Das ganze Ding ist ein riesiges Loch, ein einziges Fragezeichen, ein Abgrund, der sich auftut, dicht gefolgt vom nächsten, und niemand begreift, was es eigentlich bedeutet. Es macht mich wütend, dass mich jemand so danach fragt. Ist das Taktik?

Die Frage macht mich misstrauisch. Warum stellst du, ein Mann, sie mir, einer Frau? Sag du mir doch, was du zu Collien Fernandes sagst? Sag du mir doch, was eigentlich los ist mit euch? Was ist euer Problem? Ihr seid die Experten, ihr seid Männer, also erklärt mir, warum sich so viele von euch bemüßigt fühlen, Frauen auf jede erdenkliche Weise zu erniedrigen, zu kaufen, zu verkaufen, sie aufs Grausamste zu verletzen, zu vergewaltigen und zu töten? Und warum ihr euch dabei auch noch gerne im großen Stil zusammentut? Soll die Frage etwas weghalten, verharmlosen, vertuschen gar?

Ich kann verstehen, dass Männer in meiner Umgebung sich sehr weit weg fühlen vom Verhalten dieser Männer aus den den Tabloids, den Institutionen, den Gerichtssälen und den Plattformen, aber glauben, dass sie es sind, das kann ich nicht. Oder nicht mehr. Irgendetwas daran muss euch bekannt vorkommen. Es muss ein Wissen in euch geben oder zumindest eine Ahnung davon, was da los ist, was da passiert. Ich bin ratlos, ich verstehe es nicht. Also bitte: Erklärt es mir.

Im besten Fall zeugt die Frage von einem Versuch, den ich nicht mehr zu sehen in der Lage bin. Dem Versuch, eine Antwort zu finden. Von einer ähnlichen Ratlosigkeit also. Vielleicht von einer Verunsicherung. Einem unguten Gefühl. Einem schlechten Gewissen. Dem schlechten Gewissen einer Spezies anzugehören, die bereit ist, ungehindert und selbstverständlich ihren Abgründen nachzugehen, your body, my choice, und dadurch zu zeigen, wie mächtig sie ist. Ein schlechtes Gewissen, dem man als netter Mann nur mit Schuldabwehr begegnen kann, denn man selbst hat sich schließlich nichts zuschulden kommen lassen. Warum sollte man sich angreifen lassen für etwas, das einem fremd ist in Handlung, Wunsch und Gefühl, warum sollte man sich über einen Kamm scheren lassen mit den 80 Männern, die auf der Plattform mit Pelicot Kontakt aufgenommen haben oder mit den Irren der Menosphere?

Letzte Woche habe ich mich nach langen Überlegungen in prokrastinierender Funktion, was ich denn schreiben und welches Foto ich denn nehmen soll, auf einer Dating-Plattform angemeldet. Ich habe durch Männer durchgeswiped, und das getan, was die Plattformen einem aufgeben zu tun, das Angebot gecheckt, die Produktbeschreibungen durchgelesen und mich schlecht und absurd dabei gefühlt, dass ich auf der Suche nach Nähe und Liebe andere Menschen so behandle, bewerte und sortiere.

Ich habe mir vorgestellt, wie ich den nächsten Schritt tue und nach rechts swipe und mich daraufhin vielleicht verabrede. Ich habe mir vorgestellt, wie ich an einer Bar sitze und irgendwann aufs Klo gehe und beim Betätigen der Spülung denke, shit, ich hab mein Weinglas offen auf dem Tresen vor ihm stehen lassen. Ich habe mir vorgestellt, wie ich mit einem dieser Männer auf der Plattform irgendwann Sex habe und er irgendwas machen will, was ich nicht will, mich würgen zum Beispiel, und er es trotzdem macht. Aber das ist es nicht. Das ist eine alte Angst vor fremden Männern, frisch unterfüttert von aktuellen Trends.

Was ich zu Collien Fernandes sage? Ich habe Angst vor denen, die sich die Frage nicht selbst stellen, ich habe Angst davor, dass ihr, die neben uns liegt und fürsorglich und respektvoll, die seid, von deren Abgründen wir nichts wissen, weil ihr nicht darüber redet und uns von einer Sekunde auf die andere in sie hineinzieht. Ich habe Angst vor meinem Misstrauen euch gegenüber und vor dem, was es mir und uns allen kaputt macht.

Was ich zu Collien Fernandes sage? Ich bin wahnsinnig traurig.

Gisèle Pelicot ist frisch verliebt.