Mai 2026 – Verkehrsnachrichten-Bias

Im Radio die Verkehrsnachrichten.

Warum kommt da eigentlich immer nur was über Autos, nie was über Züge?!

Der ICE 20:37 von nach München verspätet sich wegen Fußballfans im Zugrestaurant voraussichtlich um 47 Minuten. Der RE3 Richtung Stralsund entfällt, Vorsicht, Rehe auf der Fahrbahn. Die Tram M1 steht zwischen Rosenthaler Platz und Hackescher Markt im Stau, bitte umfahren sie weiträumig.

Mai 2026 – Okay.

Morgens auf dem Weg in die Bürogemeinschaft:

Typ, ich schätze Türke, Mitte 40, zurecht gemacht wie für eine Hochzeit oder ein Business-Meeting: Einstecktuch in der Jacketttasche, Gel im Haar, versenkt schon sein eines Bein im Auto. Er sieht mich, hält inne.

Er: Hey, schönen Tag dir. Ich, im Weiterlaufen: Gleichfalls. Er: Lass den Kopf nicht hängen. Ich: Okay.

 

Mai 2026 – Darum feiern wir

Heute ist mein Geburtstag, sagt eine demenzkranke Frau zu einer Betreuerin, die neben ihr herläuft.

Heute ist Ihr Geburtstag? fragt die Betreuerin zweifelnd, kurz beunruhigt, ob sie was verpasst hat.

Ja, sagt die Frau und nickt strahlend: Heute ist mein Geburtstag.

Ich stelle mir vor, dass sie das jeden Tag sagt.

Mai 2026 – Paris en Mai

Ich komm nicht rein.

Die Wohnung wunderschön, wenn auch fast ein bisschen zu intim, Fotos vom boyfriend, ein Balkon perfekt zum Schreiben, doch es regnet und ist kalt und ich ziehe die Schlafhose unter die Jeans und alle Oberteile übereinander.

Keinen Stress machen wollte ich mir, keine Ausstellungen reinpumpen, High Lights abhaken, Listen abarbeiten mit Orten, die ich vorher bei Freunden oder bei Insta gesammelt habe. Treiben lassen wollte ich mich, spazierengehen in den Vierteln, die veränderte Stadtplanung anschauen, ansonsten: schreiben am Prosaprojekt.

Das Wetter bremst mich mehrfach aus, ich lande in empfohlenen Cafes die ich nicht mag oder an Orten, die heillos überfüllt sind. Es ist schon wieder Feiertag, verlängertes Wochenende, am Seineufer stauen sich die Leute vor Shakespeare&Company als wärs das Berghain. Ich drehe auf dem Absatz um.

Spaziere im Park, durchs Marais, sitze in bezaubernden Cafés, doch irgendwann läuft das leer, sagt mir nichts mehr, ich finde keine einzige Ausstellung, die mich interessiert (Pompidou hat geschlossen), denke bei jedem Laden mit hübschen Sachen, jaja, habe den Eindruck, Paris setzt sich selbst in Szene. In die zu Ateliers umgewandelte Fabrik mag ich nicht fahren, zu Berlin.

Dennoch, jeden Tag entdecke ich was Nettes. Trotzdem, meine Einsamkeit wird hier spürbarer und schwieriger. Die Wohnung macht mich unruhig, ich muss am Ende putzen, den Müll wegbringen, wie mache ich das, ich fixiere mich auf diese Fragen, statt mich hier wohl zu fühlen, esse kaum, alles teuer, mag nicht kochen, Supermarktsalate. Das Bistro an der Ecke beim dritten Schreibversuch dann auch langweilig. Überhaupt, unzufrieden mit meinem Outcome. Nichts zu tun, aber prokrastinieren, das haben wir gern.

Ich sortiere Fotos, immerhin. Steht lange auf der Liste.

Am Sonntag denke ich, jetzt könnte ich auch heimfahren. Montag dann ist es soweit.

Ich freue mich den ganzen Tag auf Berlin. Wann gabs denn das zuletzt? Aber vielleicht liegts auch daran, dass N zu Besuch ist und wir gleich am Abend zusammen mit J essen gehen. Nach 12 Tagen endlich nicht mehr alleine! Merke: Vielleicht waren das doch 2 Tage zu viel.

 

Mai 2026 – Sanary-sur-Mer en Mai – Laissez vous rever

Als der TGV aus Toulon abfährt und Fahrt aufnimmt bin ich glücklich, heureuse. Es war wunderschön hier, trotz loneliness und aller Schmerzen, und nun sitze ich hier, den Blick frei auf eine rasende Fahrt an der Küste entlang für noch ein bisschen Meer

weiter nach Paris

quer durch La France.

Laissez-vous rever sagt der Claim auf dem Fenster

und ich muss an das Foto mit U denken

und unsere Reise nach Marseille

Mai 2026 – Sanary-sur-Mer en Mai – Coocoo

sagen die Leute hier zur Begrüßung, wenn sie sich kennen.

Der Kaffee: Überraschend schlecht. Seltsame Namensgebungen: Noisette? Achtung, heißt am Ende nur, er kommt aus einer dieser scheußlichen Knopfdruck-Maschinen, die wir eher so aus der Ketten-Bäckerei kennen. Sogar ich pilgere ins Café Maurice, dem einzigen Siebträger am Platze.

Im Zug von Marseille nach Sanary höre ich noch schnell Amerika zu Ende, wunderbar lakonisch, melancholisch und witzig eingesprochen von Meyerhoff himself – und bin nun somit mit allen Meyerhoffs durch. Nur Wann wird es wieder so, wie es nie war fehlt mir noch, aber das gibts auf den in Frage kommenden Plattformen nicht als Hörbuch. Ich hab schon mal irgendwann angefangen, das zu lesen und hab es wieder weggelegt. Aber vorgetragen vom Burgschauspieler und nachdem ich nun schon die ganze Familie kenne, würde ich das gerne noch mitnehmen.

Am Bahnhof in Sanary, genauer gesagt, dem Bahnhof Olliulles, der gute 3 Kilometer außerhalb von Sanary liegt, mache ich Bekanntschaft mit Brunelle, einer quirligen älteren Frau, (Dame gewöhne ich mir gerade ab), die mir sofort gefällt. Klein, zierlich, ein Hütchen gegen die Sonne, gut gefederte Sneakers im Tigerlook, weiße Hose, bunte Bluse. Sie erinnert mich an ein älter gewordenes Pony Hütchen. Das Schicksal vereint uns, weil wir vor dem ansonsten rasch ausgestorbenen Bahnhof, an dem Familienangehörige mit dem Auto vorfahren und die Handvoll vom Zug Ausgespuckten hinter Autotüren verschwinden lassen, vertrauensvoll die Bushaltestelle ansteuern. Dort warten wir gute zwanzig Minuten auf den Bus, zusammen mit einem netten Mann, der wie wir davon ausgeht, dass der Bus nach Sanary ins Zentrum fährt. Als er kommt, hieven wir unsere Koffer hinein, steigen ein, zahlen, nur um Dank Brunelles vorsichtshalber gestellter Nachfrage herauszufinden, dass der Bus ganz woanders hin fährt. Wir hieven zurück, die tür schließt sich. Der Mann winkt mit schlechtem Gewissen. Wir stehen vor dem menschenleeren Bahnhof in der Sonne des Mittags und die Stille umhüllt uns.

Gut, dass Brunelle mich unter ihre Fittiche genommen hat, denn wie wir festgestellt haben, wohnt sie um die Ecke von meinem Apartment. Vous venez avec moi, hat sie gesagt, schon lange bevor der Bus gekommen ist. Nun ruft sie Thierry an, den eingespeicherten Taxifahrer, der ist aber in Toulon. Sebastien, Taxifahrer Nummer zwei, geht nicht dran. Ihr fällt ein, dass es ein Stück die Straße runter eine weitere Bushaltestelle gibt. Ich schlage vor zu laufen, doch Brunelle winkt ab, das ist wirklich zu weit mit den Koffern. Wir stapfen die Straße hinunter, ab und zu mache ich mir Sorgen, sie scheint mir sehr wackelig in den Knien, doch dann wechselt sie einfach vom Gehweg, den man so eigentlich gar nicht nennen kann, auf den glatten Asphalt der Straße. Sanary teilt mit vielen anderen Küstenorten das Problem der Autolastigkeit. An der Zufahrts- und Durchgangsstraße entlang zu laufen, ist laut und unangenehm. Irgendwann kommen wir verschwitzt an einer Haltestelle an. Brunelle zieht sich den Hut tiefer ins Gesicht, ich trage noch eine Schicht Sonnencreme auf. Sie erzählt mir, dass es mit dem Bürgermeister, der demnächst gewählt wird, vielleicht besser wird mit dem ÖPNV. Sie wohnt seit zwei Jahren hier, Altersruhesitz, und kommt gerade von einem Besuch bei ihrer Tochter die in Genf oder Grenoble wohnt, das hab ich nicht genau verstanden. Heute hat sie zum ersten Mal beschlossen, den Bus auszuprobieren.

Je ne suis pas en service sagt das Display der nächsten drei Busse, die an uns vorbei rauschen. Doch dann kommt einer und nimmt uns mit. Sogar auf die Fahrkarte, die ich vorhin im falschen Bus gelöst habe. Wir steigen an der Haltestelle Michelin aus. Von dort sind es nur noch ein paar Meter bis zum Platz am Theatre Galli, wo ich wohne. Brunelle liefert mich dort ab, übergibt mich der ebenfalls sehr netten und aparten älteren Vermieterin. Brunelle und ich umarmen uns, versichern uns, dass es schön war gemeinsam une petite aventure erlebt zu haben. Sie gibt mir ihre Telefonnummer, falls noch etwas ist. Die Vermieterin, die unsere kleine Ankommens- und Abschiedsszene miterlebt hat, fragt spontan, ob sie die auch haben kann. Sie wohnt seit fünf Jahren hier, Altersruhesitz (!, scheint ich durchzuziehen in Sanary) und hat so wenig Kontakte. während ich schon mal la valise und le sac nach oben schleppe bin ich stolz, dass ich nun womöglich noch eine Freundschaft initiiert habe und finde, besser kann so ein Aufenthalt ja gar nicht anfangen.

Jeden Tag sehe ich aufs Handy und weiß nicht, was ich besser fände und weiß es doch ganz genau. Aber nein. Nein, du schreibst mir nicht.

Dabei hatte ich gerade angefangen, mich einzurichten, zu liken und mich liken zu lassen, und mich auf meinen Aufenthalt am Meer gefreut. Nun wieder alles schmerzdurchwirkt. Daily tears. Inmitten mediterraner Schönheit.

Nachts wilde Träume mit hohem Personalaufwand, du, T, J, eine alte Freundin, die gerade wieder in all ihrer Ambivalenz aufgetaucht ist.

Der 8. Mai ist hier ein Feiertag. Ich nehme das zum Anlass den Rundweg abzulaufen, der an den Häusern der Exilanten und Exilantinnen vorbeiführt. Ich fotografiere die Plakette vor dem ehemaligen Haus der Manns. Seit meiner Ankunft lese ich das Illies Buch über Die Manns in Sanary. Überraschend gut. Was man alles nicht weiß, Leute!

Beispiel. Katia Mann hatte einen Zwillingsbruder namens Klaus, der homosexuell war. Sie kannte sich also bereits aus damit, bevor sie Thomas Mann geheiratet hat. Dann hat sie ihren erstgeborenen Sohn Klaus genannt, der übrigens nicht nur Klaus, sondern auch noch Heinrich und Thomas hieß, wir irre ist das denn, und ebenfalls homosexuell war. Zieht sich durch bei den Manns, Homosexualität und leider auch Suizid, bei den Manns.

Die Kinder, so spürt man im Buch, können einem leid tun. Ewige, zum Scheitern verurteilte Kämpfe um Gunst und Aufmerksamkeit des Vaters. Der Vater eitel und selbstverliebt, in ständiger Sorge um sich, sein Genie und seine Behaglichkeiten. Eine Mischung aus Diva und Zwangserkranktem, abhängig von seiner hochfunktionalen Ehefrau Katia. Gönnerhaft sich selbst aber niemand anderem gegenüber, Sohn seiner Klasse, großbürgerlich, dünkelhaft. Gleichzeitig in großer Angst vor Statusverlust und heraufziehenden Erkältungen. Auf beeindruckende Weise repressive und transparent seiner Homosexualität gegenüber. Ein Patriarchat der seltsamsten, unangenehmen Sorte.

Irgendwie verknüpft sich diese verrückte Familie absurderweise in meinem Kopf – hören und lesen anfangs noch ein bisschen parallel – ein bisschen mit der Meyerhoff-Familie. Die Großeltern jedenfalls scheinen ähnlich zu ticken. Auch Hedwig, Katia Mann Mutter, hatte einen herrlichen Humor, dazu eine treffsichere Beobachtungsgabe, war gebildet, großbürgerlich. Das Haus als Ikone der Familie.

Das Buch spielt 1933 in Sanary im Mai (!). Es vor bzw. in dieser Kulisse zu lesen bereichert im Laufe der nächsten Tage den ganzen Aufenthalt, fügt ihm etliche interessante Layer hinzu. Auf Augenhöhe erlebe ich, wie die Manns vor den in hohem Tempo (Trump) von Hitler/der NSDAP herausgehauenen Maßnahmen, ins Exil fliehen, hierher, wo ich sitze und ihre Geschichte lesen, nach Sanary. Die Absurdität und Unfassbarkeit der Situation lässt sich nachvollziehen, die im Falle von Thomas Mann zu lange währende Verwirrung, gefüttert von seiner gekränkten Eitelkeit, dem Eindruck, es könne nur ein Missverständnis vorliegen, die Suche nach Orientierung, die anders als Thomas, Heinrich, Klaus, Erika und Golo schnell haben, seiner Sorge mit einem Statement einen falschen, karriereschädlichen Move zu machen,  ist nachvollziehbar erzählt.

Parallel dazu  lese ich Nachrichten aus Deutschland. Die Bauhaus-Direktorin berichtet von den im Falle eines Wahlsiegs 2026 vorliegenden detaillierten Umbauplänen der AfD für die Kultur in Sachsen-Anhalt. Mit schwurbeligen Formulierungen im Parteigprogramm wird der Begriff entartete Kunst so lange umschifft, bis jeder weiß, dass er gemeint und neu aufgeführt wird.

Jeden Tag ist hier Markt. Der ist herrlich. Ich suche mir jeden Tag ein, zwei Sachen aus und koche – ganz untypisch für mich.  aber es gibt so viel Tolles, das ich probieren will und ich hab wenig Geld und die Restaurants sind eher teuer. Lachsfilet, Crevetten, gefüllte Zucciniblüten, Fleischtomaten in gelb und rot, Croissant, Canele, Moulleux (ein Apfelkuchen), Fougasse, Focaccia-Sandwich, Käse Käse Käse Käse, kleine Artischocken, kleine Kartoffeln, nur so groß wie Perlen, Tapenade in allen Varianten zum Baguette Tradition, Würste mit Kräutern, Merguez, französischer grüner Spargel, den ich neulich auf dem Markt Karl August Platz nicht gekauft habe, weil er dort als Import 15 Euro gekostet hat. Es ist unglaublich!

Die Wörter aus dem Buch begleiten mich: Saumselig. Beflissen. Behagensminderung. (Thomas Mann O-Ton, er kann kaum verwinden, dass es im Zug nach Sanary kein warmes Getränk gibt, das er doch wie jeder wissen müsste, braucht.) Sehr witzig und mir ganz aus der Seele sprechend, beschließe ich, das in meinen Wortschatz einbauen.

Wie in Marseille riecht es beim Wandern durch die engen Gassen, vorbei an den Läden mit den hübschen Sachen, immer mal nach der berühmten Seife. Sogar das Waschmittel riecht danach und viel später, als ich wieder in Berlin bin, freue ich mich, den Geruch in den Kleidern mitgebracht zu haben. Und nach den kleinen weißen Blüten, die ich immer fotografiere, um sie zu malen, irgendwann einmal, irgendwann, riecht es auch. Was war das nochmal? Jasmin?! Die Spülbürstenpflanze ist auch wieder da: Büsche mit roten festen Blütenkörpern. Vielleicht nehm ich eine mit, in der Küche des Airbnb ist es das einzige was fehlt.

Der Wind frischt auf und ich verpasse es, ins Meer zu gehen. Die Wimpel an den Schiffen im Hafen flattern. Ich nehme sie auf.

Mutig telefoniere ich mit meinem via Duolingo und einem Intensivkurs am Institut Francais aufgefrischten Schulfranzösisch mit dem Taxifahrer: Taxi Thierry. Taxi Sebastien, den ich auch abgespeichert habe, geht nicht dran. Auch bei Brunelle melde ich mich via Whatsapp. Bonjour Brunelle, c’est Elli de l’arret de bus. On va prendre un café ensemble demain? Sie antwortet nicht. Egal. Dann gibt die Waschmaschine meine Wäsche nicht mehr her. Also kommuniziere ich mit der Vermieterin. So hält das Leben einen auf Trab.

(Und warum bitte, willst du das nicht wissen? Warum zur Hölle, willst du bei all dem nicht dabei sein? Beim Kochen und aus dem Fenster über die Dächer in den Himmel schauen, der am frühen Morgen und Abend den Möwen gehört und ihren Schreien, bei den Sonnenauf- und untergängen, den Schatten, die die Palmen auf den Platz unten werfen, bei den Einkäufen im Supermarkt, der deinen Anfangsbuchstaben als Namen hat?)

Ab dem zweiten Tag, dem ersten richtigen Tag meiner Anwesenheit, ist plötzlich Rosé-Festival. Die Gassen sind voll, alles ist rosa dekoriert, überall läuft Musik und stehen Zelte. Das Rosé Festival funktioniert so: Man kauft sich für 20 Euro ein Weinglas, das man sich mit einem rosa Lanyard um den Hals hängt. Mit dem baumelnden Weinglas geht man dann von Stand zu Zelt zu Gastro-Außenterrasse und lässt sich den dort angebotenen Rosé-Wein einschenken. Wenn einem was gut gefällt, kauft man gleich eine Kiste. Erstaunlicherweise ist die Atmosphäre noch bis in die Nacht völlig anders als bei einem Bierfestival. Die Leute sind leicht und beschwingt, wenn auch ihre Gesichter die Farbe vom Rose angenommen haben.

Ganz lustig, die 70 000 Leute, die über die Kleinstadt mit ihrem Hafen und den schmalen Gassen herfallen, aber ich werde unruhig. Ich will doch arbeiten, lesen und überall ist es laut, Musik, Durchsagen, Grüppchen, die schwatzen.

Auf der Suche nach Ruhe wandere ich umher. Viele Autos, große Parkplätze, keine Parks in Reichweite, kaum Bänke. Merke: Nicht so leicht, in Sanary einen ruhigen Park zu finden, in dem man sich zurückziehen kann. Ich mache das berühmte Beste draus  und spaziere zum Strand nach Portissole. Es ist nicht warm genug, aber schön.

Heute etwas ruhiger.

Mai 2026 – Sanary-sur-Mer en Mai – Gewähr

Natürlich

 

Gerade als ich beginne

ein wenig lockerer zu machen

in der Hüfte,

ein klein wenig

unbeschwerter zu sein

auf der Brust

kommst du um die Ecke.

 

Und nun sitze ich

hier

und könnte

freier sein

als in den letzten anderthalb Jahren

oder

romantischer.

 

Doch für beides

gibt es von dir:

 

keine Gewähr.

Mai 2026 – Die ältere, hilfsbedürftige Dame

Ich gehe auf das Haus zu, in dem ich lebe und sehe, dass Frau Z aus dem Küchenfenster schaut. Ich grüße sie, den Kopf im Nacken, und die Unterhaltung beginnt wie immer damit, dass sie sagt, Sie hab ich ja lang nicht gesehen, ich dachte, vielleicht ist sie in Urlaub.

Ich frage sie, wie es ihr geht, sie versteht mich nicht. Ich rede irgendwas übers Wetter, den Frühling, ja, ja, mhm, sagt sie. Ich frage sie, ob sie denn gerade überhaupt raus kommt. Was, jaja, zum Arzt, sagt sie. Was macht der Arm, frage ich aufs Gratewohl, denn eine andere Nachbarin hat mir erzählt, dass sie sich zu ihrem bewegungslosen Elend – sie ist krumm und schief und kann nach Hüft- und Knie-OPs kaum noch laufen – auch noch den Arm gebrochen hat. Ach, sagt sie, und macht eine wegwerfende Handbewegung, senkt die Stimme: Beschissen. Sie beginnt, wie immer, wenn man ein bisschen mit ihr spricht, sie fragt, wie es ihr geht, an, zu weinen. Ohje, sage ich, das klingt ja nicht so gut. Am liebsten würde ich, sagt sie gepresst, direkt hier … sie unterdrückt ein Schluchzen ausm Fenster … Nein, sage ich und schüttle den Kopf. Was ist denn los. Entschuldigung, sagt sie. Sie erzählt mir, was ich weiß, dass sie nicht laufen kann und immer nur Schmerzen hat. Und dann, sagt sie, es klingt beiläufig, da war so einer da, heute. Der hat das Wasser abgestellt.

Ja, nicke ich, und lege die Hand über die Augen gegen die Sonne, damit ich sie besser sehen kann. Der hat die Zähler ausgetauscht. Es stimmt, ein Handwerker war heute Früh da und hat an Heizung und Wasserleitung neue Zähler angebracht. Und der hat das Wasser nicht wieder angestellt, sagt sie und jetzt hab ich kein Wasser und kann nicht kochen und mein Mann ist auch nicht da. Sie weint verzweifelt. Entschuldigung, sagt sie wieder. Jetzt erst, nach einer losen, freundlichen Plauderei, dann einer allgemeinen Klage, kommt sie zum eigentlichen Punkt. Hat sie aus dem Fenster geschaut, auf der Suche nach Hilfe? Der Zettel der Firma mit der Telefonnummer hängt unten an der Haustür, sichtbar für alle – außer für Menschen wie Frau Z., die praktisch in ihrer Wohnung gefangen sind.

Ich merke, dass ich mir nicht sicher bin, ob das stimmt, was sie da erzählt, mit dem Wasser. Ich sage ihr, dass ich bei mir oben das Wasser checke, die Telefonnummer abfotografiere und dort anrufe, wenn es nicht geht.

Auf dem Weg nach oben macht sie die Tür auf, klemmt ihren Körper, der schief auf der Gehhilfe lehnt, gegen die schwere Wohnungstür, die immer zufallen will. Sie sagt, sie hat schon zwei Flaschen Wasser in die Toilette geschüttet, weil ja kein Wasser kommt, aber sie kann doch nicht das ganze Wasser da reinschütten, ihr Mann kauft das immer, der macht ja soweit alles, aber der kommt spät, nicht mal Kaffee machen kann sie. Wieder sagt sie, dass sie am liebsten … und Schluss!

Ich gehe zu mir hoch, checke das Wasser, läuft. Ich fülle ihr für alle Fälle eine große Flasche Wasser ab.

Ich gehe zu ihr, es dauert bis sie öffnet, sie war schon wieder im Wohnzimmer, braucht immer lange, bis sie durch den Flur ist. Ich sage ihr, sie soll langsam machen, aus Sorge, dass sie stürzt, weil sie sich beeilen will.

Ich bitte sie, nochmal alle Wasserhähne und die Toilette auszuprobieren, bevor ich da anrufe. Sie bittet mich hinein. Mit der Flasche kann sie nichts anfangen, dann können sie sich auf jeden Fall erstmal einen Kaffee kochen, sage ich. Sie nimmt sie nicht an, ich stelle sie im Flur ab.

Ich drehe in der Küche das Wasser auf, nichts, im Bad das gleiche, in der Toilette schwimmt dezent eine Kackwurst. Frau Z folgt mir schwer humpelnd und spricht ohne Unterlass, sie wiederholt alles nochmal, sie weint, wird immer aufgeregter. Ich öffne den Schacht im Bad, sehe einen Hebel und einen Drehknopf, bin mich aber nicht sicher, welchen ich betätigen soll, und finde auch, bevor ich hier eine Havarie verursache: Lieber fragen.

Ich wähle die Nummer der Firma, und befürchte das Schlimmste, nämlich dass keiner dran geht. Doch irgendwann meldet sich eine nette Frau, der ich die Lage schildere. Ich sage ihr, um welches Haus es sich handelt, dass ich hier gerade bei einer älteren Dame bin, dass das Wasser nicht funktioniert und der Handwerker wohl vergessen hat, es wieder anzustellen. Sie fragt mich nach dem Namen von Frau Z, ich nenne ihn ihr. Dann fragt sie mich, ob ich mir vorstellen kann, das mit ihr am Telefon gemeinsam zu lösen. Mir gefällt die Frage. Es ist ein bisschen so, als habe ich den Notruf gewählt, und man erkläre mir jetzt am Telefon, was ich mit der bewusstlosen Person machen soll.

Im Hintergrund spricht Frau Z. unaufhörlich, sie weint und wiederholt immer wieder die Sache mit der Toilette und den zwei Wasserflaschen. Ich erkläre der Dame am Telefon, dass die Nachbarin ein bisschen hilfsbedürftig sei. Im selben Moment weiß ich, dass das ein Fehler ist. Das hätte ich nicht sagen sollen. Schon ältere Dame war zu viel.

Frau Z. findet, es gehört sich nicht für den Handwerker, das Wasser abzustellen und nicht wieder anzustellen und damit hat sie recht. Mit hilfsbedürftig hat das im Grunde nichts zu tun. Das ältere bei Dame hätte ich mir auch sparen können. Ich hätte Frau sagen können oder Nachbarin. Andererseits, wie soll ich der Frau am Telefon erklären, warum ich mich in fremden Wohnungen aufhalte. Und warum im Hintergrund jemand die ganze Zeit laut redet und weint.

Ich drehe nach telefonischer Anleitung im Bad das Wasser auf, betätige die Spülung, die Kackwurst verschwindet. Auch der Wasserhahn im Bad funktioniert und schließlich, nach kurzer Irritation, ob der nicht einen eigenen Anschluss hat – Frau Z. räumt, obwohl ich versuche, sie davon abzuhalten, gebückt den Unterschrank aus – auch der in der Küche. Die Frau am Telefon und ich sind froh und bedanken uns beieinander, als es geschafft ist. Ich lege auf.

Frau Z. ist nicht froh. Sie weint noch immer und redet. Ich versuche, sie zu beruhigen, lege ihr die Hand auf den Arm. Jetzt haben wirs doch geschafft. Jetzt können sie uns doch erstmal einen Tee kochen. Oder einen Kaffee. Ich bin bereit, mich mit ihr an den Küchentisch zu setzen, bis sie weniger aufgeregt ist. Doch sie geht nicht darauf ein. Kaffee hab ich schon genug getrunken heute, sagt sie. Stattdessen Schon zum dritten Mal während des gesamten Prozesses, sagt sie, dass sie sich bei mir revanchieren werde. Nein, sage ich, das müssen sie nicht.

Wenn ich mir das vorstelle, sagt sie und schüttelt aufgelöst den Kopf, wie vielen Menschen ich früher geholfen habe. Sie ist wütend, so wütend. Ich verstehe sie gut. Ich verstehe, dass sie auch auf mich wütend ist. Jede Geste der Hilfe vertieft den Hass auf ihre Situation. Sie kann nicht fassen, dass sie, diese lebendige, Fahrrad fahrende, kompetente, wertgeschätzte Frau, die beim physischen Elend immer auf der anderen Seite und zur Stelle war, nun in dieser Situation ist. Warum sie ein Leben in der Unbeweglichkeit führen muss, ein Leben in Schmerzen und unter Tränen. Warum obendrein auch noch das Wasser nicht funktioniert, eine demütigende Kackwurst in ihrer Toilette schwimmt und die Nachbarin den Leuten am Telefon sagt, sie sei a) eine ältere Dame und b) hilfsbedürftig.

Ich gehe und lasse sie allein. Mit ihrer Wut, ihrem Trotz, ihrer Depression. Ich gehe und merke, wie ich durchatme, wie ich denke, das läuft hier nicht wirklich gut. Medikamente schlecht eingestellt, sie müsste eigentlich in Gesellschaft, bräuchte einen Notrufknopf, den sie drücken kann, wenn sie stürzt, eine Wohnung mit Aufzug. Dann der Mann, der immer länger wegbleibt, und den das Weinen und die ständige Erwähnung des Suizids, obwohl er doch „soweit alles macht“ sicher zunehmend belastet. Ich hatte das nur ein paar Minuten, er hat das jeden Abend. Ich kann sie so gut verstehen. Sie will nicht raus. Nicht raus aus ihrer Empörung. Nicht raus aus der Idee von sich, die einem einfach weggenommen wird, die einen machtlos macht, entrechtet, vom Körper, dem Alter, die sagt, du hast nicht zu bestimmen.

Wie lange sie gebraucht hat, mir klar zu machen, dass sie Hilfe braucht.

April 2026 – was ich kriegen kann

Kurze Zeit denke ich, ist mir egal, ich nehme jetzt mal locker alles mit, was ich kriegen kann. Wir reden, wir fahren an den See, ich finde es herrlich. Das funktioniert auch ein paar Tage und ich bin froh über meine Haltung. Aber mehr als ein höflich distanzierter Ausflug an den See und ein paar natürlich von mir erzwungene Gespräche „über uns“ sind nicht drin.

Wie hat H, voll im Diskurs, das neulich formuliert: Ich hab die Nase voll von emotional intransparenten Männern.

Kann mir jedenfalls keiner sagen, dass das alles nichts mit den Männlichkeitskonzepten der an der Boomergeneration gerade so vorbei geschrammelten GenX zu tun hat.

Dann wieder: Wieso kann ich den Druck nicht rausnehmen?

Und: Was hat das mit meinen Weiblichkeitskonzepten zu tun?

Und: Wenn er gefragt wird, versucht er zu sprechen und ich kann was verstehen.

April 2026 – richtungsweisend

Als wir einmal

so erzählst du es mir,

zwischen zwei Haltestellen waren,

hätte ich gesagt,

lass uns die nächste nehmen,

immer nach vorne laufen, nie zurück.

 

Ich habe ein Talent andere auf die Spur zu bringen, nur mich nicht.

 

Einige Tage später dann im Flieger:

 

Remember

the nearest Exit

may be behind you

April 2026 – Du schaust mich an

Du schaust mich an 

wie ein netten Menschen. 

Du bist freundlich, weg und fern. 

In deinem Körper wohnt die andere Frau. 

In deinen Augen.

Sind die Berge, die Seen, die Arbeit. 

Du bist getrennt von mir.

Ich bin nicht getrennt von dir. 

April 2026 – From Intro to Outtro

Intro 1:

Hi.

Analyse:

Einfache, klare Herangehensweise. In gewisser Weise ehrlicher als alles andere, denn worum solls gehen außer ums einfach Erstmal-Hi-sagen. Und sich hier in – auch noch verführerischer –  Schreibkunst betätigen zu müssen, ist ja auch nur eine weitere Zumutung des Systems. Sich der Zumutung zu verweigern zeugt aber intrinsisch, denn es gibt ein richtiges Flirten im Falschen, wiederum von einem cool zur Schau getragenen Desinteresse, trägt zur weiteren Lapidarisierung des gesamten Prozesses bei, transportiert schlechte Laune, und erzählt von der knallhart realistischen Einschätzung des Introisten von der romantischen Situation. Okay, aber dann können wir es auch gleich lassen. You need to play the game.

Überhaupt scheinen mir alle inklusive mir ganz schön passiv-aggressiv. Kein Wunder bei dem Stress und Frust, den das hier erzeugt.

 

Intro 2:

you’re lovely.

Analyse:

Länger als Hi, das muss man sagen. An sich ein sehr sweetes Kompliment, wenn man verliebt ist und der andere gerade etwas Lustiges gesagt hat. Leider bezieht es sich ausschließlich und als erstes auf etwas, das zu sehen ist, nicht auf etwas, das geschrieben wurde, also nicht auf ein womöglich gemeinsames Interesse, sprich nicht auf mein Hirn, sondern auf mein Äußeres. Ich sag ja nicht, dass das keine Rolle spielt oder spielen darf, aber wär schon nett, zumindest so zu tun, als wär das nicht das einzige, was zählt. Der Introist gibt mir das Gefühl – sein Bild trägt vielleicht dazu bei – dass er sich vom Sessel aus die Jungfrauen anschaut, die ihm gebracht werden, wie Männer das seit Jahrhunderten gewohnt sind.

 

Intro 3:

you have nice and healthy looking hair. May I ask if this is your natural hair oder did you color it?

Analyse:

Sicher das interessanteste von allen 3 Intros. Auch Männer haben also Angst vor DeepFakes, davor, so ihre Sicht auf die Dinge, übel getäuscht zu werden. Also besser mal höflich nachfragen, ob das sein kann, mit den Haaren. Nicht, dass man sich verabredet und es zu Produktenttäuschung kommt. Das ist das erste und einzige Intro, bei dem ich überlege, zu antworten. Just for fun, und ihm zu sagen, dass die Haare am Oberkopf gefärbt sind, weil ich gerne die grauen und weißen überdecke. Aber ich bin nicht hier, um Recherche zu betreiben. Oder die Welt zu erziehen. Ich möchte mich mit jemand, der einen netten Eindruck macht, auf einen Kaffee oder einen Spaziergang treffen.

Als G. sich auf meinem Handy die Männer durchscrollt, wann hat man schon mal die Gelegenheit, ist er völlig aus dem Häuschen. Das geht ja gar nicht! schreit er, und: Was glauben die denn? und: Klar, erstmal Ansprüche stellen, und Mhm, schon klar, du Ficker, und, da ist ja wirklich niemand, mit dem man reden möchte, und, mindestens dreimal, kopfschüttelnd, Ohgott, du Arme. Das ist sehr lustig. Ich bin ein bisschen beruhigt. Es liegt nicht an mir, dass ich da niemanden nett finde. Aber dann bekomme ich Panik. Das wars. Das ist es, worauf man sich einstellen muss.

Obwohl meine Sehnsucht so groß ist, obwohl ich bereit war, mich dafür wieder in diese risikobehaftete, depressiv machende Scheiße zu begeben: Ich melde mich ab.

Outtro.

April 2026 – back again

Ich bin 5 Jahre älter als beim letzten Mal. Die Männer auch.

Ich gehe auf Discover, und um durch alle Profile zu blättern zwingt mich ok cupid, alle zu disliken. Ich will doch erstmal nur gucken und lesen, wie die Leute das hier so machen, welche Bilder sie von sich zeigen, was sie über sich schreiben. Stattdessen gleich: Judgement Day. Leute disliken macht schlechte Laune, produziert Verachtung und Frustration. Danke dafür. Als ich aus Versehen zwei Likes verteile, weil ich zu doof bin, mir zu merken, ob links oder rechts die gute Seite ist, schreie ich auf. Mega peinlich. Löschen kann man es auch nicht. Aber egal, reagiert sowieso keiner.

Ich bekomme exakt 5 Likes. Das wars. Von Leuten noch dazu, die den Eindruck machen, als liketen sie einfach alles, was gerade frisch nach oben geschwemmt wurde, während sie auf der Toilette sitzen. Liken im „Jo, wenns sein muss“-Modus, „Jo, würd ich machen zur Not“. Männer sind da nicht wählerisch. Oder doch?

In den nächsten Wochen melde ich mich immer wieder mal komplett ab und an, mache mich für ein paar 24 Stunden sichtbar und tauche wieder ab. Nichts. Ich selbst verschicke ein einziges Like inklusive eines Intros, an dem ich eine Weile herum überlege. Es wird nicht erwidert.

Ist was mit meinem Profil? Hab ich was übersehen? Irgendwelche Einstellungen falsch gewählt? Auch ok cupid scheint verzweifelt. Mir werden Leute aus Vancouver angeboten. Nein, ich checke die Präferenzen erneut, bitte nur in B. 5 Kilometer Umkreis, Spandau ist ja schon Fernbeziehung. Nichts. Scheint, es bin einfach ich! Soweit die Aussichten. Wow. Call me eingebildet, aber das hätte ich dann doch nicht gedacht.

 

April 2026 – Politik des ausgestreckten Zeigefingers

Trumps ausgestreckter Zeigefinger,

zu nah an den Körpern der Menschen, zu dicht vor ihren Gesichtern, zu direkt in die Kameras,

ein warnender, drohender, ein bedrohlicher Zeigefinger.

Der sich richtet gegen Präsidenten, Journalistinnen, Intimfeinde aus Justiz, Kultur, Entertainment, Akademie. Ein Zeigefinger, der aufspießt, der erstaunliche Macht entfaltet, ein Zeigefinger, der Angst verbreitet bis ins Wohnzimmer vom Bildschirm aus.

Dieser Zeigefinger,

sagt der Zeigefinger,

kann jeden treffen.

 

Dieser Zeigefinger ist eine Rampensau.