Juli 2026 – Das O-Wort

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Die Leute. Die schlauen, kennen sich aus mit Diskriminierungen, mit Wörtern, die verletzen, die Stereotype verfestigen, die jahrhundertelange Unterdrückung repräsentieren und verstetigen.

Das O-Wort kommt bislang nicht vor.

Eines Tages wird mich irgendjemand,

vielleicht im Vorbeigehen, weil er mich auf einer Parkbank sitzen sieht mit meinem schlohweißen Haar,

weil er im Treppenhaus an mir vorbeiläuft und die Gehhilfen bemerkt,

weil er denkt, ich sei nett und lieb, putzig gar,

oder weil er denkt, ich sei arm und einsam,

oder weil er denkt, ich sei böse, weil ich mich dauernd bei der Hausverwaltung über irgendwas beschwere,

oder weil er genervt ist, wenn er im Pulk an der Ampel steht und bei Grün einfach nicht schnell genug an mir vorbeikommt, weil ich so lahm bin,

oder weil ich den Ablauf bei irgendeinem alltäglichen Prozess nicht kenne, weil ich keine Ahnung mehr von irgendeiner technischen Entwicklung habe,

wird irgendjemand eines Tages über mich sagen oder denken:

Die Oma da.

Aber ich bin keine Oma.

Ich bin eine alte Frau.

Ich werde auf Parkbänken sitzen und Gehhilfen benutzen, ich werde nett sein und böse, ich werde den Verkehr aufhalten, aber ich werde keine Oma sein. Ich werde eine alte Frau sein. Respect that!

Ich habe keine Enkelkinder. Die Definition Oma trifft auf mich nicht zu. Wie Vater, Kind oder Tante bezeichnet sie eine bestimmte Position im Familiengefüge. Sie ist mit einer sozialen Rolle verknüpft mit der bestimmte Erwartungen einhergehen – Erwartungen an das Verhalten einer Frau. Können die uns eigentlich nie in Ruhe lassen?

Eine Oma ist nett und lieb und backt und kocht und passt auf die Enkelkinder auf. Auch wenn ich tatsächlich Oma wäre, auch wenn ich als Oma auf genannte Tätigkeiten Lust hätte, wäre das nur eine Rolle neben anderen, wäre das nur ein Aspekt von mir als Mensch. Eine Frau als Oma zu bezeichnen ist also die Reduzierung eines Menschen auf einen Aspekt – wie bei bspw. bei Hautfarbe oder sexueller Orientierung. Das O-Wort allen alten Frauen überzustülpen, unabhängig davon, ob sie nun tatsächlich per definitionem Omas sind, zeigt vollends, dass wir es mit einem diskriminierenden Begriff zu tun haben.

Das O-Wort wird im Allgemeinen positiv verwendet. Omas sind irgendwie drollig. Ernst zu nehmen oder als Frau wahrzunehmen sind sie nicht. Die Selbstzuschreibung als Oma gilt als lieb und witzig, siehe Omas gegen rechts. Diese Frauen sind tatsächlich per definitionem Omas und haben angefangen, sich aus einem Verantwortungsgefühl gegenüber ihren Enkelkindern gegen rechts zu engagieren. Ihre Organisation ist inzwischen so groß, dass sie auch Männer aufnehmen und Menschen jeden Alters. So gewendet und gefüllt wird das O-Wort neu aufgeladen. Dennoch, die Niedlichkeit und Harmlosigkeit des O-Wortes hat von Anfang an zum charmanten Image der Gruppe gehört, den diese gut genutzt hat. Man kann keine Oma auf einer Demo bedrohen, ohne einen Aufschrei der Empörung nach sich zu ziehen. Dass diese Omas sich nicht so harmlos sind, wie alle annehmen, sabotiert die klassische Oma-Zuschreibung. Wie immer bei den No-Go-Wörtern gilt auch hier: Selbstzuschreibung ist was anderes als Fremdzuschreibung.

Ageism ist eine in Deutschland nicht sehr häufig diskutierte Form der Diskriminierung. Frauen trifft Ageism anders als Männer. Die Diskriminierung ist intersektional: Man ist alt und man ist eine Frau.

Glücklicherweise machen die alten Frauen inzwischen den Mund bzw. den Laptop auf und erzählen von sich.

 

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Ich interessiere mich für ein neues, alternatives Projekt in der Stadt, bei dem es darum geht, Lücken auf Flachdächern zu bebauen und günstigen Wohnraum für Berlin bereit zu stellen. Die Leute, die das planen sind wirklich nett, wollen was Gutes, kommen aus einer aktivistischen Ecke. Mir fällt auf, dass sie mehrfach – in ihren Mails, bei der Info-Veranstaltung, die ich besuche – das Wort Witwe benutzen. Witwen gehören, zusammen mit alleinerziehenden Müttern (!) und Azubis zur angedachten Zielgruppe bei der Vermietung der Häuser. Alles ganz sozial gedacht also und dem Versuch geschuldet, Gruppen zu unterstützen, die auf dem Berliner Wohnungsmarkt keine Chance haben.

Witwe. Ich spüre ein deutliches Unbehagen und frage mich, warum.

Im Kontext Wohnen/Stadtplanung gibt es die zum Begriff gewordene Charlottenburger Witwe, die ganz allein in einer riesigen Altbauwohnung mit Stuck und Flügeltüren wohnt, die Kinder sind längst aus dem Haus, der Mann ist gestorben. Nun könnte sie doch statt durch die leeren, traurigen Flure zu geistern, die Wohnung für eine junge Familie freimachen und in eine kleine Wohnung ziehen. Ich hoffe, das Phänomen Charlottenburger Witwe ist statistisch belegt. Altersarmut bei Frauen ist statistisch auf jeden Fall belegt. Wenn die dann Witwen sind, gehts ihnen meist besser, weil sie eine Witwenrente bekommen.

Aber das ist nicht der Grund meines Unbehagens. Witwe ist zunächst schlicht eine Familienstandsangabe. Verheiratet, verwitwet. So gibt mans an, im Formular beim Finanzamt oder bei sonstigen Behörden. Eine Frau als Witwe zu bezeichnen kommt mir nicht nur sehr altertümlich vor (Witwe Bolte, Witwenverbrennungen in Indien, aber auch: Die lustige Witwe), sondern auch im höchsten Maße diskriminierend. Frauen als Witwen zu bezeichnen heißt nicht nur, sie auf ihre Beziehung zum Mann zu reduzieren, sondern sie darüber zu definieren.

Das W-Wort geht also: Gar nicht.

Juli 2026 – Reminder

Ich ziehe eine Jacke an, die ich lange nicht getragen habe. Wie lange begreife ich, als ich in die Seitentasche fasse. Ich finde eine Maske aus Stoff. Türkisfarbene Baumwolle, weiße Gummibänder, das Gummi brüchig inzwischen.

Es war die erste Maske, die ich mir, ganz zu Beginn der Pandemie gekauft habe. Bei einer Frau in einer kleinen Schneiderei, die ganz viele davon in aufmunternden Farben genäht hat.

Juli 2026 – Die Affäre

M liegt im Bett. Ihre Knie unter der Bettdecke sind angewinkelt, vor allem das linke. Das ist keine freie Entscheidung. Sondern eine Kontraktion. Sie scheint müde. Das T-shirt, das man ihr übergezogen hat, klemmt unter den Achseln, es wird wohl schwerer, es ihr anzuziehen, ihre Arme hoch zu halten, ihren Rücken so nach vorne zu beugen, dass man es in Ruhe bis zu ihrem Po herunterziehen, es geraderücken, zurecht ziehen kann, bis es keine Falten mehr schlägt. In Ruhe kann hier sowieso keiner was machen. Ich versuche, es gerade zu ziehen, aber es geht nicht. An der linken Seite sehe ich ein Hämatom, das kommt vom Festhalten, es braucht Kraft, auch bei ihr, die so schmal ist, sie zu heben, zu drehen, zu „lagern“, wie es hier heißt. Blaue Flecken entstehen schon bei leichter Berührung. Das hab ich auch, denke ich.

M schaut mich nicht an, sie fixiert nicht, sieht in meine Richtung, aus der ich in ihrem Gesichtsfeld auftauche, aus der sie mich sprechen hört, sie sieht an mir vorbei in eine Leere, in eine Welt, die lose aus Geräuschen, visuellen Eindrücken, Gerüchen besteht. Vor allem aber besteht sie aus Atmen, Liegen, Nahrung erhalten, verdauen, schlafen, erwachen. Alles verschwimmt, alles vereinzelt, taucht auf und verschwindet wieder.

B beginnt M. zu füttern. Ihr Essen zu reichen, so heißt es hier korrekt. Während er das tut, während er ihr den Löffel mit proteinreichem, weichem Essen reicht, und M. auf die Berührung mit dem Löffel den Mund ein wenig öffnet, die Nahrung in ihren Mund lässt, sie darin bewegt, kaut, malmt, dabei mit den Zähnen knirscht, schluckt und all das, eine Anstrengung ist, erzählt er mir, dass sie, M. eine Affäre hatte.

Ich begreife, wie sehr er sich betrogen und verraten gefühlt hat, wie wenig geliebt, wie abfällig behandelt. Ich begreife, wie sehr er den Verrat auch des Umfelds empfunden haben muss, den Mittwissenden, dem Nachbar, der sie gesehen hat, der besten Freundin, die sowieso nie gut auf ihn zu sprechen war, der anderen Freundin, die ihr schließlich ein Alibi für ein Treffen in Berlin gegeben hat. Er erzählt von den Briefen, die er gefunden hat. Davon, dass er mit dem Mann telefoniert hat, zu seinem Haus gefahren ist, davon, dass auch er verheiratet war und er, B, keinen guten Eindruck von ihm hatte. Die Affäre scheint keine sexuelle gewesen zu sein, eher eine romantische. Es gab Treffen auf Parkbanken, Spaziergänge, Küsse, Berührungen. Bevor es zu dem Treffen in Berlin kam, bei dem das letzte Stück Stoff zwischen ihnen fallen sollte, flog die Affäre auf.

Dann bleib ich halt bei dir, habe sie gesagt, als er sie mit den Briefen konfrontiert hat. Sie hatte kein schlechtes Gewissen.

Sie kommt mir in dieser Geschichte entgegen, ich erkenne sie. Genau wie ihn. Die Briefe wurden geschreddert, eine Geste, die von ihm verlangt und in der Firma ausgeführt wurde, in der er gearbeitet hat. Später hat sie die Affäre wieder aufgenommen.

Man muss M. den Mund abwischen, immer kleiner werden die Mengen auf dem Löffel, die noch in ihren Mund hinein gehen. Sie schluckt manchmal lange nicht, sie verschluckt sich. Das macht mir Angst. Ihr Husten scheint zu viel für ihren schmalen Körper.

B erzählt mir die Geschichte dramaturgisch gut gebaut. Als er die Briefe aufmacht, deren Inhalte sich ihm ins Gedächtnis geätzt haben, Wunden hinterlassen haben, die noch heute Schmerz und Bitterkeit verursachen wie alte Säure, erscheint schließlich ein Satz, den er mir nun ins Gesicht sagt. Wie schön, dass du nun auch das geheime Einverständnis deiner Tochter hast.

Ich erschrecke sehr. Erröte sogar. habe augenblicklich ein schlechtes Gewissen. Ich beschreibe, dass sie mir vom wieder aufgenommenen Kontakt mit einer Jugendliebe, wie es in dieser Generation heißt, erzählt hat, auch an die Erwähnung des geplanten Treffens mit ihm und einer Freundin in Berlin, erinnere ich mich. Ich verwechsle ihn zunächst mit einem anderen Mann, den sie beinahe geheiratet hätte.

Aber B. hat recht. Im Grunde habe ich es gewusst. Hätten die beste Freundin, die Freundin, der Nachbar, und ich, die Tochter die Verpflichtung gehabt, ihm zu sagen, dass er betrogen wird?

M kann nicht mehr aus der Schnabeltasse trinken. Also flößen wir ihr Wasser mit dem Löffel ein. Ich werde so langsam wütend. Wütend darüber, dass B. im Angesicht meiner Mutter diese Geschichte erzählt. Dass seine Worte laut und unerschütterlich im Raum hängen, wie sie es immer getan haben. Dass sie mir vorkommen wie Schatten von Schrift, die über die weiche Haut ihrer Wangen streifen, über die dünne, erstaunlich glatte Haut auf ihrer Stirn. M. kämpft mit dem Löffel. Sie schließt beim Kauen die Augen.

Ich erinnere mich, dass sie mir von der Annäherung an diesen Mann erzählt hat. Auch von ihrem Plan mit ihm und ihrer Freundin in Berlin zusammen zu treffen. Der Mann war „kulturinteressiert“, anders als B.

Mein geheimes Einverständnis.

Manchmal seufzte sie und sprach über B. Darüber wie schlimm es mit ihm sei. Ich hasste sie dafür. Auch ich fand B schlimm. Doch sie hatte ihn geheiratet. Ich kannte ihn, ich war mit ihm verbunden, ob ich wollte oder nicht, und sie brachte mich, ihr Kind, in ein Dilemma. So wie mein Vater es getan hat. So wie B es gerade tat.

Einmal, das fällt mir jetzt ein, hat sie mir von einer sexuellen Begegnung mit einem Mann erzählt. Es muss jemand anderes gewesen sein. Sie hatte mit ihm im Auto gesessen. Er hatte mit seinem Penis angegeben und ihn schließlich ausgepackt. M hatte eine anzügliche und abwertende Bemerkung darüber gemacht. Es war mir unangenehm.

Wie lange ich gedacht und gehofft habe, höchstwahrscheinlich wie ihre frauenbewegten, patenten Freundinnen, die sie sich gesucht hat, dass sie sich von ihm „emanzipieren“ würde. Sie beförderte das mit ihrem Seufzen über ihn, mit ihren lächelnd formulierten Sehnsüchten, Ideen. All ihre Worte, Schall und Rauch, sie erzeugte Hoffnungen in mir für sie, die sie gar nicht hatte, sie wollte sich nur ihrem Sprechen darüber hingeben, ihre Ruhe finden in der Klage. Lange habe ich, haben ihre Freundinnen ihr die Sehnsucht nach Entwicklung, die Geschichte der Unterdrückung abgenommen.

Ich wische M mit der Serviette den Mund ab. Sie wirkt erschöpft. Ich streiche ihr übers Haar, betrachte ihre Hände, die reglos auf ihrem Bauch unter der Decke liegen.

Ich weiß nicht mehr, was die Geschichten bedeuten. Alles scheint sich aufzulösen, ineinander zu fließen. Wer ist sie, die hier liegt, wer ist er. Nichts ist wichtig, alles stimmt? Bs Wunsch nach totaler Kontrolle erfüllt genauso den Raum wie Ms vollkommene Abhängigkeit. Ihre stumme, passive Macht, der er, der wir, gehorchen, ist im Raum, ihr Wunsch (von einem Mann) versorgt zu sein, sich um nichts kümmern zu müssen, ist erfüllt worden. B., der nicht begreifen kann, wie ungerecht er behandelt wurde. Wie man ihn anders verstehen kann, als er sich selbst. M, die für nichts etwas kann.

Ich sehe zu,

ich sehe, wie er spricht, über sich, über sie, über ihre Ehe,

und ich frage mich,

weil niemand sonst es fragt,

wer ich bin,

in dieser Geschichte.

Juli 2026 – Die Behörden

Dieser Werbetext, gesprochen von einer martialisch klingenden Männerstimme, begegnet mir in Dauerschleife auf youtube:

Dieser handliche Hochdruckaufsatz ist so brutal, dass er zehn Jahre alten Dreck in nur dreißig Sekunden vom Beton schießt – Und genau deshalb versuchen die Behörden ihn vom Markt zu nehmen!

Der Text scheint mir auf den Punkt zu bringen, was in Deutschland gerade so gedacht und gefühlt wird.

Man möchte doch einfach nur mal in aller Ruhe mit einer richtig fetten Baumarkt-Waffe den ganzen Dreck wegschießen, sich in nur dreißig Sekunden befreien von der ganzen Last auf dem Beton, und einmal alles, was einen stört, den ganzen Wahnsinn, wegdonnern, damit endlich wieder alles sauber ist, wie neu, wie früher, aber das geht nicht, weil „die Behörden“ einen daran hindern. „Die Behörden“, also die Politiker, die Bürokratie, die Laber-Intellektuellen und ihre Medien, also alle, die meinen, sie könnten das Land mitgestalten, sich einmischen, in Dinge, die sie einen feuchten Dreck angehen, genau den feuchten Dreck, für den sich der Heimwerker ganz individuell im Baumarkt ein extrem powerfulles Tool kaufen möchte, aber diese Freiheit, die wollen sie uns jetzt auch noch nehmen. Da heißt es schnell sein, gewitzt, und an den Behörden vorbei noch schnell so ein Kettensägen-Ding ergattern. Denn die Freiheit des Dreckwegschießens, die lassen wir uns nicht nehmen, auf die Freiheit des Marktes, die die Behörden mit ihren idiotischen Gesetzen und Regeln einzuschränken versuchen, im Namen irgendeiner Demokratie, diesem outdated Konstrukt aus dem letzten Jahrhundert, an das eh nur noch glaubt, wer den Schuss nicht gehört hat, auf der beharren wir, indem wir den Behörden noch rasch zuvorkommen und den handlichen Hochdruckaufsatz umgehend in den Warenkorb schieben.

I feel you! Aber das ist auch keine Lösung.