sagen die Leute hier zur Begrüßung, wenn sie sich kennen.
Der Kaffee: Überraschend schlecht. Seltsame Namensgebungen: Noisette? Achtung, heißt am Ende nur, er kommt aus einer dieser scheußlichen Knopfdruck-Maschinen, die wir eher so aus der Ketten-Bäckerei kennen. Sogar ich pilgere ins Café Maurice, dem einzigen Siebträger am Platze.
Im Zug von Marseille nach Sanary höre ich noch schnell Amerika zu Ende, wunderbar lakonisch, melancholisch und witzig eingesprochen von Meyerhoff himself – und bin nun somit mit allen Meyerhoffs durch. Nur Wann wird es wieder so, wie es nie war fehlt mir noch, aber das gibts auf den in Frage kommenden Plattformen nicht als Hörbuch. Ich hab schon mal irgendwann angefangen, das zu lesen und hab es wieder weggelegt. Aber vorgetragen vom Burgschauspieler und nachdem ich nun schon die ganze Familie kenne, würde ich das gerne noch mitnehmen.
Am Bahnhof in Sanary, genauer gesagt, dem Bahnhof Olliulles, der gute 3 Kilometer außerhalb von Sanary liegt, mache ich Bekanntschaft mit Brunelle, einer quirligen älteren Frau, (Dame gewöhne ich mir gerade ab), die mir sofort gefällt. Klein, zierlich, ein Hütchen gegen die Sonne, gut gefederte Sneakers im Tigerlook, weiße Hose, bunte Bluse. Sie erinnert mich an ein älter gewordenes Pony Hütchen. Das Schicksal vereint uns, weil wir vor dem ansonsten rasch ausgestorbenen Bahnhof, an dem Familienangehörige mit dem Auto vorfahren und die Handvoll vom Zug Ausgespuckten hinter Autotüren verschwinden lassen, vertrauensvoll die Bushaltestelle ansteuern. Dort warten wir gute zwanzig Minuten auf den Bus, zusammen mit einem netten Mann, der wie wir davon ausgeht, dass der Bus nach Sanary ins Zentrum fährt. Als er kommt, hieven wir unsere Koffer hinein, steigen ein, zahlen, nur um Dank Brunelles vorsichtshalber gestellter Nachfrage herauszufinden, dass der Bus ganz woanders hin fährt. Wir hieven zurück, die tür schließt sich. Der Mann winkt mit schlechtem Gewissen. Wir stehen vor dem menschenleeren Bahnhof in der Sonne des Mittags und die Stille umhüllt uns.
Gut, dass Brunelle mich unter ihre Fittiche genommen hat, denn wie wir festgestellt haben, wohnt sie um die Ecke von meinem Apartment. Vous venez avec moi, hat sie gesagt, schon lange bevor der Bus gekommen ist. Nun ruft sie Thierry an, den eingespeicherten Taxifahrer, der ist aber in Toulon. Sebastien, Taxifahrer Nummer zwei, geht nicht dran. Ihr fällt ein, dass es ein Stück die Straße runter eine weitere Bushaltestelle gibt. Ich schlage vor zu laufen, doch Brunelle winkt ab, das ist wirklich zu weit mit den Koffern. Wir stapfen die Straße hinunter, ab und zu mache ich mir Sorgen, sie scheint mir sehr wackelig in den Knien, doch dann wechselt sie einfach vom Gehweg, den man so eigentlich gar nicht nennen kann, auf den glatten Asphalt der Straße. Sanary teilt mit vielen anderen Küstenorten das Problem der Autolastigkeit. An der Zufahrts- und Durchgangsstraße entlang zu laufen, ist laut und unangenehm. Irgendwann kommen wir verschwitzt an einer Haltestelle an. Brunelle zieht sich den Hut tiefer ins Gesicht, ich trage noch eine Schicht Sonnencreme auf. Sie erzählt mir, dass es mit dem Bürgermeister, der demnächst gewählt wird, vielleicht besser wird mit dem ÖPNV. Sie wohnt seit zwei Jahren hier, Altersruhesitz, und kommt gerade von einem Besuch bei ihrer Tochter die in Genf oder Grenoble wohnt, das hab ich nicht genau verstanden. Heute hat sie zum ersten Mal beschlossen, den Bus auszuprobieren.
Je ne suis pas en service sagt das Display der nächsten drei Busse, die an uns vorbei rauschen. Doch dann kommt einer und nimmt uns mit. Sogar auf die Fahrkarte, die ich vorhin im falschen Bus gelöst habe. Wir steigen an der Haltestelle Michelin aus. Von dort sind es nur noch ein paar Meter bis zum Platz am Theatre Galli, wo ich wohne. Brunelle liefert mich dort ab, übergibt mich der ebenfalls sehr netten und aparten älteren Vermieterin. Brunelle und ich umarmen uns, versichern uns, dass es schön war gemeinsam une petite aventure erlebt zu haben. Sie gibt mir ihre Telefonnummer, falls noch etwas ist. Die Vermieterin, die unsere kleine Ankommens- und Abschiedsszene miterlebt hat, fragt spontan, ob sie die auch haben kann. Sie wohnt seit fünf Jahren hier, Altersruhesitz (!, scheint ich durchzuziehen in Sanary) und hat so wenig Kontakte. während ich schon mal la valise und le sac nach oben schleppe bin ich stolz, dass ich nun womöglich noch eine Freundschaft initiiert habe und finde, besser kann so ein Aufenthalt ja gar nicht anfangen.
Jeden Tag sehe ich aufs Handy und weiß nicht, was ich besser fände und weiß es doch ganz genau. Aber nein. Nein, du schreibst mir nicht.
Dabei hatte ich gerade angefangen, mich einzurichten, zu liken und mich liken zu lassen, und mich auf meinen Aufenthalt am Meer gefreut. Nun wieder alles schmerzdurchwirkt. Daily tears. Inmitten mediterraner Schönheit.
Nachts wilde Träume mit hohem Personalaufwand, du, T, J, eine alte Freundin, die gerade wieder in all ihrer Ambivalenz aufgetaucht ist.
Der 8. Mai ist hier ein Feiertag. Ich nehme das zum Anlass den Rundweg abzulaufen, der an den Häusern der Exilanten und Exilantinnen vorbeiführt. Ich fotografiere die Plakette vor dem ehemaligen Haus der Manns. Seit meiner Ankunft lese ich das Illies Buch über Die Manns in Sanary. Überraschend gut. Was man alles nicht weiß, Leute!
Beispiel. Katia Mann hatte einen Zwillingsbruder namens Klaus, der homosexuell war. Sie kannte sich also bereits aus damit, bevor sie Thomas Mann geheiratet hat. Dann hat sie ihren erstgeborenen Sohn Klaus genannt, der übrigens nicht nur Klaus, sondern auch noch Heinrich und Thomas hieß, wir irre ist das denn, und ebenfalls homosexuell war. Zieht sich durch bei den Manns, Homosexualität und leider auch Suizid, bei den Manns.
Die Kinder, so spürt man im Buch, können einem leid tun. Ewige, zum Scheitern verurteilte Kämpfe um Gunst und Aufmerksamkeit des Vaters. Der Vater eitel und selbstverliebt, in ständiger Sorge um sich, sein Genie und seine Behaglichkeiten. Eine Mischung aus Diva und Zwangserkranktem, abhängig von seiner hochfunktionalen Ehefrau Katia. Gönnerhaft sich selbst aber niemand anderem gegenüber, Sohn seiner Klasse, großbürgerlich, dünkelhaft. Gleichzeitig in großer Angst vor Statusverlust und heraufziehenden Erkältungen. Auf beeindruckende Weise repressive und transparent seiner Homosexualität gegenüber. Ein Patriarchat der seltsamsten, unangenehmen Sorte.
Irgendwie verknüpft sich diese verrückte Familie absurderweise in meinem Kopf – hören und lesen anfangs noch ein bisschen parallel – ein bisschen mit der Meyerhoff-Familie. Die Großeltern jedenfalls scheinen ähnlich zu ticken. Auch Hedwig, Katia Mann Mutter, hatte einen herrlichen Humor, dazu eine treffsichere Beobachtungsgabe, war gebildet, großbürgerlich. Das Haus als Ikone der Familie.
Das Buch spielt 1933 in Sanary im Mai (!). Es vor bzw. in dieser Kulisse zu lesen bereichert im Laufe der nächsten Tage den ganzen Aufenthalt, fügt ihm etliche interessante Layer hinzu. Auf Augenhöhe erlebe ich, wie die Manns vor den in hohem Tempo (Trump) von Hitler/der NSDAP herausgehauenen Maßnahmen, ins Exil fliehen, hierher, wo ich sitze und ihre Geschichte lesen, nach Sanary. Die Absurdität und Unfassbarkeit der Situation lässt sich nachvollziehen, die im Falle von Thomas Mann zu lange währende Verwirrung, gefüttert von seiner gekränkten Eitelkeit, dem Eindruck, es könne nur ein Missverständnis vorliegen, die Suche nach Orientierung, die anders als Thomas, Heinrich, Klaus, Erika und Golo schnell haben, seiner Sorge mit einem Statement einen falschen, karriereschädlichen Move zu machen, ist nachvollziehbar erzählt.
Parallel dazu lese ich Nachrichten aus Deutschland. Die Bauhaus-Direktorin berichtet von den im Falle eines Wahlsiegs 2026 vorliegenden detaillierten Umbauplänen der AfD für die Kultur in Sachsen-Anhalt. Mit schwurbeligen Formulierungen im Parteigprogramm wird der Begriff entartete Kunst so lange umschifft, bis jeder weiß, dass er gemeint und neu aufgeführt wird.
Jeden Tag ist hier Markt. Der ist herrlich. Ich suche mir jeden Tag ein, zwei Sachen aus und koche – ganz untypisch für mich. aber es gibt so viel Tolles, das ich probieren will und ich hab wenig Geld und die Restaurants sind eher teuer. Lachsfilet, Crevetten, gefüllte Zucciniblüten, Fleischtomaten in gelb und rot, Croissant, Canele, Moulleux (ein Apfelkuchen), Fougasse, Focaccia-Sandwich, Käse Käse Käse Käse, kleine Artischocken, kleine Kartoffeln, nur so groß wie Perlen, Tapenade in allen Varianten zum Baguette Tradition, Würste mit Kräutern, Merguez, französischer grüner Spargel, den ich neulich auf dem Markt Karl August Platz nicht gekauft habe, weil er dort als Import 15 Euro gekostet hat. Es ist unglaublich!
Die Wörter aus dem Buch begleiten mich: Saumselig. Beflissen. Behagensminderung. (Thomas Mann O-Ton, er kann kaum verwinden, dass es im Zug nach Sanary kein warmes Getränk gibt, das er doch wie jeder wissen müsste, braucht. Sehr witzig und mir ganz aus der Seele sprechend, beschließe ich, das in meinen Wortschatz einbauen.
Wie in Marseille riecht es beim Wandern durch die engen Gassen, vorbei an den Läden mit den hübschen Sachen, immer mal nach der berühmten Seife. Sogar das Waschmittel riecht danach und viel später, als ich wieder in Berlin bin, freue ich mich, den Geruch in den Kleidern mitgebracht zu haben. Und nach den kleinen weißen Blüten, die ich immer fotografiere, um sie zu malen, irgendwann einmal, irgendwann, riecht es auch. Was war das nochmal? Jasmin?! Die Spülbürstenpflanze ist auch wieder da: Büsche mit roten festen Blütenkörpern. Vielleicht nehm ich eine mit, in der Küche des Airbnb ist es das einzige was fehlt.
Der Wind frischt auf und ich verpasse es, ins Meer zu gehen. Die Wimpel an den Schiffen im Hafen flattern. Ich nehme sie auf.
Mutig telefoniere ich mit meinem via Duolingo und einem Intensivkurs am Institut Francais aufgefrischten Schulfranzösisch mit dem Taxifahrer: Taxi Thierry. Taxi Sebastien, den ich auch abgespeichert habe, geht nicht dran. Auch bei Brunelle melde ich mich via Whatsapp. Bonjour Brunelle, c’est Elli de l’arret de bus. On va prendre un café ensemble demain? Sie antwortet nicht. Egal. Dann gibt die Waschmaschine meine Wäsche nicht mehr her. Also kommuniziere ich mit der Vermieterin. So hält das Leben einen auf Trab.
(Und warum bitte, willst du das nicht wissen? Warum zur Hölle, willst du bei all dem nicht dabei sein? Beim Kochen und aus dem Fenster über die Dächer in den Himmel schauen, der am frühen Morgen und Abend den Möwen gehört und ihren Schreien, bei den Sonnenauf- und untergängen, den Schatten, die die Palmen auf den Platz unten werfen, bei den Einkäufen im Supermarkt, der deinen Anfangsbuchstaben als Namen hat?)
Ab dem zweiten Tag, dem ersten richtigen Tag meiner Anwesenheit, ist plötzlich Rosé-Festival. Die Gassen sind voll, alles ist rosa dekoriert, überall läuft Musik und stehen Zelte. Das Rosé Festival funktioniert so: Man kauft sich für 20 Euro ein Weinglas, das man sich mit einem rosa Lanyard um den Hals hängt. Mit dem baumelnden Weinglas geht man dann von Stand zu Zelt zu Gastro-Außenterrasse und lässt sich den dort angebotenen Rosé-Wein einschenken. Wenn einem was gut gefällt, kauft man gleich eine Kiste. Erstaunlicherweise ist die Atmosphäre noch bis in die Nacht völlig anders als bei einem Bierfestival. Die Leute sind leicht und beschwingt, wenn auch ihre Gesichter die Farbe vom Rose angenommen haben.
Ganz lustig, die 70 000 Leute, die über die Kleinstadt mit ihrem Hafen und den schmalen Gassen herfallen, aber ich werde unruhig. Ich will doch arbeiten, lesen und überall ist es laut, Musik, Durchsagen, Grüppchen, die schwatzen.
Auf der Suche nach Ruhe wandere ich umher. Viele Autos, große Parkplätze, keine Parks in Reichweite, kaum Bänke. Merke: Nicht so leicht, in Sanary einen ruhigen Park zu finden, in dem man sich zurückziehen kann. Ich mache das berühmte Beste draus und spaziere zum Strand nach Portissole. Es ist nicht warm genug, aber schön.
Heute etwas ruhiger.