Ich gehe auf das Haus zu, in dem ich lebe und sehe, dass Frau Z aus dem Küchenfenster schaut. Ich grüße sie, den Kopf im Nacken, und die Unterhaltung beginnt wie immer damit, dass sie sagt, Sie hab ich ja lang nicht gesehen, ich dachte, vielleicht ist sie in Urlaub.
Ich frage sie, wie es ihr geht, sie versteht mich nicht. Ich rede irgendwas übers Wetter, den Frühling, ja, ja, mhm, sagt sie. Ich frage sie, ob sie denn gerade überhaupt raus kommt. Was, jaja, zum Arzt, sagt sie. Was macht der Arm, frage ich aufs Gratewohl, denn eine andere Nachbarin hat mir erzählt, dass sie sich zu ihrem bewegungslosen Elend – sie ist krumm und schief und kann nach Hüft- und Knie-OPs kaum noch laufen – auch noch den Arm gebrochen hat. Ach, sagt sie, und macht eine wegwerfende Handbewegung, senkt die Stimme: Beschissen. Sie beginnt, wie immer, wenn man ein bisschen mit ihr spricht, sie fragt, wie es ihr geht, an, zu weinen. Ohje, sage ich, das klingt ja nicht so gut. Am liebsten würde ich, sagt sie gepresst, direkt hier … sie unterdrückt ein Schluchzen ausm Fenster … Nein, sage ich und schüttle den Kopf. Was ist denn los. Entschuldigung, sagt sie. Sie erzählt mir, was ich weiß, dass sie nicht laufen kann und immer nur Schmerzen hat. Und dann, sagt sie, es klingt beiläufig, da war so einer da, heute. Der hat das Wasser abgestellt.
Ja, nicke ich, und lege die Hand über die Augen gegen die Sonne, damit ich sie besser sehen kann. Der hat die Zähler ausgetauscht. Es stimmt, ein Handwerker war heute Früh da und hat an Heizung und Wasserleitung neue Zähler angebracht. Und der hat das Wasser nicht wieder angestellt, sagt sie und jetzt hab ich kein Wasser und kann nicht kochen und mein Mann ist auch nicht da. Sie weint verzweifelt. Entschuldigung, sagt sie wieder. Jetzt erst, nach einer losen, freundlichen Plauderei, dann einer allgemeinen Klage, kommt sie zum eigentlichen Punkt. Hat sie aus dem Fenster geschaut, auf der Suche nach Hilfe? Der Zettel der Firma mit der Telefonnummer hängt unten an der Haustür, sichtbar für alle – außer für Menschen wie Frau Z., die praktisch in ihrer Wohnung gefangen sind.
Ich merke, dass ich mir nicht sicher bin, ob das stimmt, was sie da erzählt, mit dem Wasser. Ich sage ihr, dass ich bei mir oben das Wasser checke, die Telefonnummer abfotografiere und dort anrufe, wenn es nicht geht.
Auf dem Weg nach oben macht sie die Tür auf, klemmt ihren Körper, der schief auf der Gehhilfe lehnt, gegen die schwere Wohnungstür, die immer zufallen will. Sie sagt, sie hat schon zwei Flaschen Wasser in die Toilette geschüttet, weil ja kein Wasser kommt, aber sie kann doch nicht das ganze Wasser da reinschütten, ihr Mann kauft das immer, der macht ja soweit alles, aber der kommt spät, nicht mal Kaffee machen kann sie. Wieder sagt sie, dass sie am liebsten … und Schluss!
Ich gehe zu mir hoch, checke das Wasser, läuft. Ich fülle ihr für alle Fälle eine große Flasche Wasser ab.
Ich gehe zu ihr, es dauert bis sie öffnet, sie war schon wieder im Wohnzimmer, braucht immer lange, bis sie durch den Flur ist. Ich sage ihr, sie soll langsam machen, aus Sorge, dass sie stürzt, weil sie sich beeilen will.
Ich bitte sie, nochmal alle Wasserhähne und die Toilette auszuprobieren, bevor ich da anrufe. Sie bittet mich hinein. Mit der Flasche kann sie nichts anfangen, dann können sie sich auf jeden Fall erstmal einen Kaffee kochen, sage ich. Sie nimmt sie nicht an, ich stelle sie im Flur ab.
Ich drehe in der Küche das Wasser auf, nichts, im Bad das gleiche, in der Toilette schwimmt dezent eine Kackwurst. Frau Z folgt mir schwer humpelnd und spricht ohne Unterlass, sie wiederholt alles nochmal, sie weint, wird immer aufgeregter. Ich öffne den Schacht im Bad, sehe einen Hebel und einen Drehknopf, bin mich aber nicht sicher, welchen ich betätigen soll, und finde auch, bevor ich hier eine Havarie verursache: Lieber fragen.
Ich wähle die Nummer der Firma, und befürchte das Schlimmste, nämlich dass keiner dran geht. Doch irgendwann meldet sich eine nette Frau, der ich die Lage schildere. Ich sage ihr, um welches Haus es sich handelt, dass ich hier gerade bei einer älteren Dame bin, dass das Wasser nicht funktioniert und der Handwerker wohl vergessen hat, es wieder anzustellen. Sie fragt mich nach dem Namen von Frau Z, ich nenne ihn ihr. Dann fragt sie mich, ob ich mir vorstellen kann, das mit ihr am Telefon gemeinsam zu lösen. Mir gefällt die Frage. Es ist ein bisschen so, als habe ich den Notruf gewählt, und man erkläre mir jetzt am Telefon, was ich mit der bewusstlosen Person machen soll.
Im Hintergrund spricht Frau Z. unaufhörlich, sie weint und wiederholt immer wieder die Sache mit der Toilette und den zwei Wasserflaschen. Ich erkläre der Dame am Telefon, dass die Nachbarin ein bisschen hilfsbedürftig sei. Im selben Moment weiß ich, dass das ein Fehler ist. Das hätte ich nicht sagen sollen. Schon ältere Dame war zu viel.
Frau Z. findet, es gehört sich nicht für den Handwerker, das Wasser abzustellen und nicht wieder anzustellen und damit hat sie recht. Mit hilfsbedürftig hat das im Grunde nichts zu tun. Das ältere bei Dame hätte ich mir auch sparen können. Andererseits, wie soll ich der Frau am Telefon erklären, warum ich mich in fremden Wohnungen aufhalte. Und warum im Hintergrund jemand die ganze Zeit laut redet und weint.
Ich drehe nach telefonischer Anleitung im Bad das Wasser auf, betätige die Spülung, die Kackwurst verschwindet. Auch der Wasserhahn im Bad funktioniert und schließlich, nach kurzer Irritation, ob der nicht einen eigenen Anschluss hat – Frau Z. räumt, obwohl ich versuche, sie davon abzuhalten, gebückt den Unterschrank aus – auch der in der Küche. Die Frau am Telefon und ich sind froh und bedanken uns beieinander, als es geschafft ist. Ich lege auf.
Frau Z. ist nicht froh. Sie weint noch immer und redet. Ich versuche, sie zu beruhigen, lege ihr die Hand auf den Arm. Jetzt haben wirs doch geschafft. Jetzt können sie uns doch erstmal einen Tee kochen. Oder einen Kaffee. Ich bin bereit, mich mit ihr an den Küchentisch zu setzen, bis sie weniger aufgeregt ist. Doch sie geht nicht darauf ein. Kaffee hab ich schon genug getrunken heute, sagt sie. Stattdessen Schon zum dritten Mal während des gesamten Prozesses, sagt sie, dass sie sich bei mir revanchieren werde. Nein, sage ich, das müssen sie nicht.
Wenn ich mir das vorstelle, sagt sie und schüttelt aufgelöst den Kopf, wie vielen Menschen ich früher geholfen habe. Sie ist wütend, so wütend. Ich verstehe sie gut. Ich verstehe, dass sie auch auf mich wütend ist. Jede Geste der Hilfe vertieft den Hass auf ihre Situation. Sie kann nicht fassen, dass sie, diese lebendige, Fahrrad fahrende, kompetente, wertgeschätzte Frau, die beim physischen Elend immer auf der anderen Seite und zur Stelle war, nun in dieser Situation ist. Warum sie ein Leben in der Unbeweglichkeit führen muss, ein Leben in Schmerzen und unter Tränen. Warum obendrein auch noch das Wasser nicht funktioniert, eine demütigende Kackwurst in ihrer Toilette schwimmt und die Nachbarin den Leuten am Telefon sagt, sie sei a) eine ältere Dame und b) hilfsbedürftig.
Ich gehe und lasse sie allein. Mit ihrer Wut, ihrem Trotz, ihrer Depression. Ich gehe und merke, wie ich durchatme, wie ich denke, das läuft hier nicht wirklich gut. Medikamente schlecht eingestellt, sie müsste eigentlich in Gesellschaft, bräuchte einen Notrufknopf, den sie drücken kann, wenn sie stürzt, eine Wohnung mit Aufzug. Dann der Mann, der immer länger wegbleibt, und den das Weinen und die ständige Erwähnung des Suizids, obwohl er doch „soweit alles macht“ sicher zunehmend belastet. Ich hatte das nur ein paar Minuten, er hat das jeden Abend. Ich kann sie so gut verstehen. Sie will nicht raus. Nicht raus aus ihrer Empörung. Nicht raus aus der Idee von sich, die einem einfach weggenommen wird, die einen machtlos macht, entrechtet, vom Körper, dem Alter, die sagt, du hast nicht zu bestimmen.
Wie lange sie gebraucht hat, mir klar zu machen, dass sie Hilfe braucht.