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Die Leute. Die schlauen, kennen sich aus mit Diskriminierungen, mit Wörtern, die verletzen, die Stereotype verfestigen, die jahrhundertelange Unterdrückung repräsentieren und verstetigen.
Das O-Wort kommt bislang nicht vor.
Eines Tages wird mich irgendjemand,
vielleicht im Vorbeigehen, weil er mich auf einer Parkbank sitzen sieht mit meinem schlohweißen Haar,
weil er im Treppenhaus an mir vorbeiläuft und die Gehhilfen bemerkt,
weil er denkt, ich sei nett und lieb, putzig gar,
oder weil er denkt, ich sei arm und einsam,
oder weil er denkt, ich sei böse, weil ich mich dauernd bei der Hausverwaltung über irgendwas beschwere,
oder weil er genervt ist, wenn er im Pulk an der Ampel steht und bei Grün einfach nicht schnell genug an mir vorbeikommt, weil ich so lahm bin,
oder weil ich den Ablauf bei irgendeinem alltäglichen Prozess nicht kenne, weil ich keine Ahnung mehr von irgendeiner technischen Entwicklung habe,
wird irgendjemand eines Tages über mich sagen oder denken:
Die Oma da.
Aber ich bin keine Oma.
Ich bin eine alte Frau.
Ich werde auf Parkbänken sitzen und Gehhilfen benutzen, ich werde nett sein und böse, ich werde den Verkehr aufhalten, aber ich werde keine Oma sein. Ich werde eine alte Frau sein. Respect that!
Ich habe keine Enkelkinder. Die Definition Oma trifft auf mich nicht zu. Wie Vater, Kind oder Tante bezeichnet sie eine bestimmte Position im Familiengefüge. Sie ist mit einer sozialen Rolle verknüpft mit der bestimmte Erwartungen einhergehen – Erwartungen an das Verhalten einer Frau. Können die uns eigentlich nie in Ruhe lassen?
Eine Oma ist nett und lieb und backt und kocht und passt auf die Enkelkinder auf. Auch wenn ich tatsächlich Oma wäre, auch wenn ich als Oma auf genannte Tätigkeiten Lust hätte, wäre das nur eine Rolle neben anderen, wäre das nur ein Aspekt von mir als Mensch. Eine Frau als Oma zu bezeichnen ist also die Reduzierung eines Menschen auf einen Aspekt – wie bei bspw. bei Hautfarbe oder sexueller Orientierung. Das O-Wort allen alten Frauen überzustülpen, unabhängig davon, ob sie nun tatsächlich per definitionem Omas sind, zeigt vollends, dass wir es mit einem diskriminierenden Begriff zu tun haben.
Das O-Wort wird im Allgemeinen positiv verwendet. Omas sind irgendwie drollig. Ernst zu nehmen oder als Frau wahrzunehmen sind sie nicht. Die Selbstzuschreibung als Oma gilt als lieb und witzig, siehe Omas gegen rechts. Diese Frauen sind tatsächlich per definitionem Omas und haben angefangen, sich aus einem Verantwortungsgefühl gegenüber ihren Enkelkindern gegen rechts zu engagieren. Ihre Organisation ist inzwischen so groß, dass sie auch Männer aufnehmen und Menschen jeden Alters. So gewendet und gefüllt wird das O-Wort neu aufgeladen. Dennoch, die Niedlichkeit und Harmlosigkeit des O-Wortes hat von Anfang an zum charmanten Image der Gruppe gehört, den diese gut genutzt hat. Man kann keine Oma auf einer Demo bedrohen, ohne einen Aufschrei der Empörung nach sich zu ziehen. Dass diese Omas sich nicht so harmlos sind, wie alle annehmen, sabotiert die klassische Oma-Zuschreibung. Wie immer bei den No-Go-Wörtern gilt auch hier: Selbstzuschreibung ist was anderes als Fremdzuschreibung.
Ageism ist eine in Deutschland nicht sehr häufig diskutierte Form der Diskriminierung. Frauen trifft Ageism anders als Männer. Die Diskriminierung ist intersektional: Man ist alt und man ist eine Frau.
Glücklicherweise machen die alten Frauen inzwischen den Mund bzw. den Laptop auf und erzählen von sich.
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Ich interessiere mich für ein neues, alternatives Projekt in der Stadt, bei dem es darum geht, Lücken auf Flachdächern zu bebauen und günstigen Wohnraum für Berlin bereit zu stellen. Die Leute, die das planen sind wirklich nett, wollen was Gutes, kommen aus einer aktivistischen Ecke. Mir fällt auf, dass sie mehrfach – in ihren Mails, bei der Info-Veranstaltung, die ich besuche – das Wort Witwe benutzen. Witwen gehören, zusammen mit alleinerziehenden Müttern (!) und Azubis zur angedachten Zielgruppe bei der Vermietung der Häuser. Alles ganz sozial gedacht also und dem Versuch geschuldet, Gruppen zu unterstützen, die auf dem Berliner Wohnungsmarkt keine Chance haben.
Witwe. Ich spüre ein deutliches Unbehagen und frage mich, warum.
Im Kontext Wohnen/Stadtplanung gibt es die zum Begriff gewordene Charlottenburger Witwe, die ganz allein in einer riesigen Altbauwohnung mit Stuck und Flügeltüren wohnt, die Kinder sind längst aus dem Haus, der Mann ist gestorben. Nun könnte sie doch statt durch die leeren, traurigen Flure zu geistern, die Wohnung für eine junge Familie freimachen und in eine kleine Wohnung ziehen. Ich hoffe, das Phänomen Charlottenburger Witwe ist statistisch belegt. Altersarmut bei Frauen ist statistisch auf jeden Fall belegt. Wenn die dann Witwen sind, gehts ihnen meist besser, weil sie eine Witwenrente bekommen.
Aber das ist nicht der Grund meines Unbehagens. Witwe ist zunächst schlicht eine Familienstandsangabe. Verheiratet, verwitwet. So gibt mans an, im Formular beim Finanzamt oder bei sonstigen Behörden. Eine Frau als Witwe zu bezeichnen kommt mir nicht nur sehr altertümlich vor (Witwe Bolte, Witwenverbrennungen in Indien, aber auch: Die lustige Witwe), sondern auch im höchsten Maße diskriminierend. Frauen als Witwen zu bezeichnen heißt nicht nur, sie auf ihre Beziehung zum Mann zu reduzieren, sondern sie darüber zu definieren.
Das W-Wort geht also: Gar nicht.