M liegt im Bett. Ihre Knie unter der Bettdecke sind angewinkelt, vor allem das linke. Das ist keine freie Entscheidung. Sondern eine Kontraktion. Sie scheint müde. Das T-shirt, das man ihr übergezogen hat, klemmt unter den Achseln, es wird wohl schwerer, es ihr anzuziehen, ihre Arme hoch zu halten, ihren Rücken so nach vorne zu beugen, dass man es in Ruhe bis zu ihrem Po herunterziehen, es geraderücken, zurecht ziehen kann, bis es keine Falten mehr schlägt. In Ruhe kann hier sowieso keiner was machen. Ich versuche, es gerade zu ziehen, aber es geht nicht. An der linken Seite sehe ich ein Hämatom, das kommt vom Festhalten, es braucht Kraft, auch bei ihr, die so schmal ist, sie zu heben, zu drehen, zu „lagern“, wie es hier heißt. Blaue Flecken entstehen schon bei leichter Berührung. Das hab ich auch, denke ich.
M schaut mich nicht an, sie fixiert nicht, sieht in meine Richtung, aus der ich in ihrem Gesichtsfeld auftauche, aus der sie mich sprechen hört, sie sieht an mir vorbei in eine Leere, in eine Welt, die lose aus Geräuschen, visuellen Eindrücken, Gerüchen besteht. Vor allem aber besteht sie aus Atmen, Liegen, Nahrung erhalten, verdauen, schlafen, erwachen. Alles verschwimmt, alles vereinzelt, taucht auf und verschwindet wieder.
B beginnt M. zu füttern. Ihr Essen zu reichen, so heißt es hier korrekt. Während er das tut, während er ihr den Löffel mit proteinreichem, weichem Essen reicht, und M. auf die Berührung mit dem Löffel den Mund ein wenig öffnet, die Nahrung in ihren Mund lässt, sie darin bewegt, kaut, malmt, dabei mit den Zähnen knirscht, schluckt und all das, eine Anstrengung ist, erzählt er mir, dass sie, M. eine Affäre hatte.
Ich begreife, wie sehr er sich betrogen und verraten gefühlt hat, wie wenig geliebt, wie abfällig behandelt. Ich begreife, wie sehr er den Verrat auch des Umfelds empfunden haben muss, den Mittwissenden, dem Nachbar, der sie gesehen hat, der besten Freundin, die sowieso nie gut auf ihn zu sprechen war, der anderen Freundin, die ihr schließlich ein Alibi für ein Treffen in Berlin gegeben hat. Er erzählt von den Briefen, die er gefunden hat. Davon, dass er mit dem Mann telefoniert hat, zu seinem Haus gefahren ist, davon, dass auch er verheiratet war und er, B, keinen guten Eindruck von ihm hatte. Die Affäre scheint keine sexuelle gewesen zu sein, eher eine romantische. Es gab Treffen auf Parkbanken, Spaziergänge, Küsse, Berührungen. Bevor es zu dem Treffen in Berlin kam, bei dem das letzte Stück Stoff zwischen ihnen fallen sollte, flog die Affäre auf.
Dann bleib ich halt bei dir, habe sie gesagt, als er sie mit den Briefen konfrontiert hat. Sie hatte kein schlechtes Gewissen.
Sie kommt mir in dieser Geschichte entgegen, ich erkenne sie. Genau wie ihn. Die Briefe wurden geschreddert, eine Geste, die von ihm verlangt und in der Firma ausgeführt wurde, in der er gearbeitet hat. Später hat sie die Affäre wieder aufgenommen.
Man muss M. den Mund abwischen, immer kleiner werden die Mengen auf dem Löffel, die noch in ihren Mund hinein gehen. Sie schluckt manchmal lange nicht, sie verschluckt sich. Das macht mir Angst. Ihr Husten scheint zu viel für ihren schmalen Körper.
B erzählt mir die Geschichte dramaturgisch gut gebaut. Als er die Briefe aufmacht, deren Inhalte sich ihm ins Gedächtnis geätzt haben, Wunden hinterlassen haben, die noch heute Schmerz und Bitterkeit verursachen wie alte Säure, erscheint schließlich ein Satz, den er mir nun ins Gesicht sagt. Wie schön, dass du nun auch das geheime Einverständnis deiner Tochter hast.
Ich erschrecke sehr. Erröte sogar. habe augenblicklich ein schlechtes Gewissen. Ich beschreibe, dass sie mir vom wieder aufgenommenen Kontakt mit einer Jugendliebe, wie es in dieser Generation heißt, erzählt hat, auch an die Erwähnung des geplanten Treffens mit ihm und einer Freundin in Berlin, erinnere ich mich. Ich verwechsle ihn zunächst mit einem anderen Mann, den sie beinahe geheiratet hätte.
Aber B. hat recht. Im Grunde habe ich es gewusst. Hätten die beste Freundin, die Freundin, der Nachbar, und ich, die Tochter die Verpflichtung gehabt, ihm zu sagen, dass er betrogen wird?
M kann nicht mehr aus der Schnabeltasse trinken. Also flößen wir ihr Wasser mit dem Löffel ein. Ich werde so langsam wütend. Wütend darüber, dass B. im Angesicht meiner Mutter diese Geschichte erzählt. Dass seine Worte laut und unerschütterlich im Raum hängen, wie sie es immer getan haben. Dass sie mir vorkommen wie Schatten von Schrift, die über die weiche Haut ihrer Wangen streifen, über die dünne, erstaunlich glatte Haut auf ihrer Stirn. M. kämpft mit dem Löffel. Sie schließt beim Kauen die Augen.
Ich erinnere mich, dass sie mir von der Annäherung an diesen Mann erzählt hat. Auch von ihrem Plan mit ihm und ihrer Freundin in Berlin zusammen zu treffen. Der Mann war „kulturinteressiert“, anders als B.
Mein geheimes Einverständnis.
Manchmal seufzte sie und sprach über B. Darüber wie schlimm es mit ihm sei. Ich hasste sie dafür. Auch ich fand B schlimm. Doch sie hatte ihn geheiratet. Ich kannte ihn, ich war mit ihm verbunden, ob ich wollte oder nicht, und sie brachte mich, ihr Kind, in ein Dilemma. So wie mein Vater es getan hat. So wie B es gerade tat.
Einmal, das fällt mir jetzt ein, hat sie mir von einer sexuellen Begegnung mit einem Mann erzählt. Es muss jemand anderes gewesen sein. Sie hatte mit ihm im Auto gesessen. Er hatte mit seinem Penis angegeben und ihn schließlich ausgepackt. M hatte eine anzügliche und abwertende Bemerkung darüber gemacht. Es war mir unangenehm.
Wie lange ich gedacht und gehofft habe, höchstwahrscheinlich wie ihre frauenbewegten, patenten Freundinnen, die sie sich gesucht hat, dass sie sich von ihm „emanzipieren“ würde. Sie beförderte das mit ihrem Seufzen über ihn, mit ihren lächelnd formulierten Sehnsüchten, Ideen. All ihre Worte, Schall und Rauch, sie erzeugte Hoffnungen in mir für sie, die sie gar nicht hatte, sie wollte sich nur ihrem Sprechen darüber hingeben, ihre Ruhe finden in der Klage. Lange habe ich, haben ihre Freundinnen ihr die Sehnsucht nach Entwicklung, die Geschichte der Unterdrückung abgenommen.
Ich wische M mit der Serviette den Mund ab. Sie wirkt erschöpft. Ich streiche ihr übers Haar, betrachte ihre Hände, die reglos auf ihrem Bauch unter der Decke liegen.
Ich weiß nicht mehr, was die Geschichten bedeuten. Alles scheint sich aufzulösen, ineinander zu fließen. Wer ist sie, die hier liegt, wer ist er. Nichts ist wichtig, alles stimmt? Bs Wunsch nach totaler Kontrolle erfüllt genauso den Raum wie Ms vollkommene Abhängigkeit. Ihre stumme, passive Macht, der er, der wir, gehorchen, ist im Raum, ihr Wunsch (von einem Mann) versorgt zu sein, sich um nichts kümmern zu müssen, ist erfüllt worden. B., der nicht begreifen kann, wie ungerecht er behandelt wurde. Wie man ihn anders verstehen kann, als er sich selbst. M, die für nichts etwas kann.
Ich sehe zu,
ich sehe, wie er spricht, über sich, über sie, über ihre Ehe,
und ich frage mich,
weil niemand sonst es fragt,
wer ich bin,
in dieser Geschichte.