Leute, das könnt ihr nicht machen! Ihr könnt doch nicht im schlimmsten Winter seit langem vom Videoclip eines Pinguins berichten, den wer wohl, Werner Herzog dabei gefilmt hat, wie er sich von der Gruppe abwendet und in Richtung der Berge aufmacht wo der sichere Tod ihn erwartet, ohne Triggerwarnung davor und die Nummer der Suizid-Hotline dahinter!
Dieser Winter macht mich fertig. Die Kälte stört mich nicht so. Auch mit der nicht aufreißenden Wolkendecke käme ich irgendwie zurecht. Oder mit dem stinkenden Feinstaub, der in der nassen Luft festhängt und hereinzieht, beim Lüften. All dem könnte ich davonlaufen, ins Büro, zum Einkaufen, ins Cafe. Warm eingepackt könnte ich dagegen anschreiten, anatmen, irgendwo an einem Uferweg, im Park, bei einem kleinen Ausflug. Aber die seit inzwischen zwei Wochen permanent auftretende Glättegefahr, die schaffe ich nicht. Die schafft mich. Sie löst panische Angst in mir aus, ich könnte fallen. Ein weiteres gebrochenes Körperteil davontragen, das Handgelenk splittern hören, den Oberschenkelhals gebrochen sehen oder womöglich die angeschlagene Wirbelsäule. Der Gedanke an Notaufnahmen, Schmerzen, Operationstischen und Heilungsprozesse, die Zeit, Geduld und Geld kosten, macht mich krank. So werde ich unbeweglich, bleibe zuhause, teste ab und zu mit einem Fuß die Konsistenz der Eiskrusten vor der Haustür, auf denen festgetretener Schnee liegt und verharzter, überfrorener Regen, um, schon voll angezogen und mutig besser nochmal umzukehren, und mich so unfassbar E I N G E S P E R R T zu fühlen in dieser Wohnung, dieser Stadt, diesem Leben. Danke dafür, Senat. BVG. WBM, die ihr alle dazu beitragt, dass es so bleibt. Und die Angst nicht unbegründet ist, siehe Berichte aus der Notaufnahme. Noch reichen Dosenfutter, Klopapier, Teebeutel, Kerzen. Der Winter als Übungsrunde für den Stromausfall, den Drohnenangriff oder was immer da kommen wird. Mein Suchverlauf läuft über von meinen immer gleichen Fragen, wann wird es besser, wo ist es besser und wie komme ich dahin. Die Antworten bieten bei genauer Betrachtung keinen Ausweg oder kosten zu viel Geld.
Also schreibe ich Prosa am Herd der Schreibküche, mache drei bis viermal täglich Youtube Sport, denn alles hat ja auch sein Gutes. Und wenn ich rausgehe, watschele ich im Pinguin-Gang übers Eis.