Januar 2026 – Sag mal Ich

Sag mal Ich

Diesen Satz höre ich gerade fast jeden Tag. Von der Online-Trainerin, einer sogenannten Internet Persönlichkeit, die bei Youtube Kurseinheiten zwischen 10 und 30 Minuten anbietet, von denen ich jeden Tag mindestens eine mache. Wer Ich sagt, stärkt sein Powerhouse, wer Ich sagt, steuert und spannt die Core-Muskulatur an. Von da aus starten alle weiteren Übungen zu Mobilität und Stabilität ohne diese stabile Mitte je aus den Augen zu verlieren.

Doch das ist noch nicht alles. Sag mal Ich ist in Zeiten von Achtsamkeit und Selbstfürsorge natürlich auch als Element zur Ich-Stärkung gedacht. Denn auch mental müssen und sollen wir uns trainieren. Nur wer ab und zu mal Ich sagt, kann, das ist bekannt, in Job, Familie, Beziehung effektiv sein. 

Ein Schelm, wem da beim Besuch beim Vater der Satz in den Sinn kommt. Der Vater nämlich, sagt praktisch ständig Ich. Niemand muss ihn zu Trainingszwecken dazu auffordern. Er macht das ganz von alleine und ganz locker aus dem Bauch heraus und ohne irgendeine Core Muskulatur anspannen zu müssen. Er sagt mehrfach am Tag Ich, er sagt in allen Gesprächen Ich, alle Themen sind dazu da beim Ich zu landen. Er sagt Ich solange bis man nicht mehr sicher ist, ob es wichtig ist, ob sonst noch jemand anwesend ist. Außer vielleicht zur Anregung fürs Ich.

Warum alle Frauen um den Vater herum inklusive mir denken, er habe im Grunde eine schwache Tiefenmuskulatur und man müsse ihn immer wieder dazu ermuntern, Ich zu sagen, um sein Powerhouse zu stärken, man müsse ihn beständig beim Ich sagen eskortieren, weiß ich nicht. Noch weniger weiß ich, weshalb diese Strategie bis heute problemlos aufgeht. 

Vielleicht jedenfalls liegt es daran, dass die Aufforderung Sag mal Ich auch nach jahrelangem Training einen gewissen Widerwillen in mir auslöst, was natürlich ein Dilemma ist. Denn so falsch ich das ständige Ich sagen finde, so gerne würde ich Ich sagen, ohne Angst haben zu müssen, verlassen zu werden.