Im Hostel in Bern spricht mich auf der Terrasse eine junge Frau an. Ich kenne sie schon. Vorhin, als ich noch gefrühstückt habe, saß sie am Tisch mir schräg gegenüber mit ihrer Partnerin und einer Hostelbekannten, die ziemlich laut geredet hat, während die beiden nett zugehört haben. Sie ist ein heller Typ, schlank, trägt weite Jeans, ein Bandana artiges Kopftuch in Beige, eine enge leichte Bluse mit ein paar Spitzeneinsätzen im Romantic Style. Ich schätze sie auf Mitte zwanzig.
Wie ich das Buch finde, fragt sie mich auf Englisch und deutet auf Tove Janssons Das Sommerbuch, das auf meinem Tisch liegt. Oh, sage ich überrascht und sie erklärt, dass es ihr absolutes Lieblingsbuch sei und sie es schon mindestens siebenmal gelesen habe und es jeden Sommer wieder lese. Ich beginne zu sprechen. Actually, sage ich und erzähle ihr, dass ich anfangs dachte, es sei einfach eines dieser wahrscheinlich eher kitschigen Sommerbücher im Sinne des Genres Sommerbuch, das die Buchhändlerinnen vor den großen Ferien auf einem Thementisch auslegen, zusammen mit ein bisschen Deko – Muscheln, blau-weiß-gestreiftes Badetuch, ein Boot, ein Plastikleuchtturm – damit man dann am Strand eine leichte Lektüre lesen kann, mit ein bisschen Liebe, ein bisschen Humor, ein bisschen Natur. So wie man selbst es eben gerade erlebt oder sich wünscht zu erleben. Im Sommer, im Urlaub.
Ich erzähle, dass ich mit diesem Framing bis ungefähr auf Seite 30 gekommen bin. Eine Großmutter und eine Enkelin, zwei ansprechend eigenwillige Figuren sind mir bis dahin begegnet, die auf einer finnischen Schäreninsel zusammen den Sommer verbringen, der Vater ist noch dabei, tritt aber wenig in Erscheinung, die Begegnungen der beiden, ihre kleinen Abenteuer im Alltag, sind mit einem feinen, melancholisch-lakonischem Humor erzählt, die Beschreibungen der Inselnatur, die mit dem Leben der beiden verflochten ist, fügt sich ebenso organisch in die Erzählung ein und hat nichts Ausgestelltes.
Then it striked me, sage ich. I flipped back, auf der Suche nach einem Satz, über den ich einfach so drüber gelesen habe. Auf Seite 28 finde ich ihn. Der Satz ist aus der Perspektive der Enkelin erzählt, Sophia, die nachts erwacht und nicht schlafen kann. „Ihr fiel ein“, steht da, „dass sie auf die Insel zurückgekehrt waren und dass sie ein eigenes Bett hatte, weil ihre Mutter tot war.“
Ja, sagt die junge Frau. Wir schauen uns an.
At that moment, sage ich, I realised, dass es um den Tod und die Verarbeitung des Todes der Mutter geht. I started from the beginning, sage ich, und hab alles nochmal gelesen und dann weiter und weiter. Das Buch hatte plötzlich einen Layer hinzubekommen, sage ich. Ich lese nun Sophias Reaktion auf den Fund eines Tierskeletts. Ihre Wut auf eine tote Ente, die zur falschen, weil hoffnungsvollen Paarungszeit stirbt, auf die Großmutter, die sich eine Geschichte über den Grund für den Tod der Ente ausdenken soll und dann Sophias Meinung nach etwas ganz Falsches erzählt. Die schon recht gebrechliche, dennoch energiegeladene Großmutter, die auf Sophias grobe Frage, wann sie denn sterbe mit einem knappen „bald“ reagiert. Die sich weigert, den Tod zu umschreiben, sondern ihn ruhig und nüchtern benennt. Die im Laufe der Geschichte müder wird, in sich gekehrter, langsamer. Der im Hintergrund immer schwer arbeitende Vater, der anders als die beiden Frauen im Buch nicht zu Wort kommt. Immer wieder erzählt der Tod sich hinein in den Organismus der sich verändernden Insel, in die Geschichte.
Die junge Frau erzählt mir, dass sie Literatur studiert und ihre thesis über das Buch geschrieben habe. Oh, sage ich, wow, und um was es denn ging in der Thesis, frage ich. Sie erwähnt neben der Sache mit dem Tod auch ecopsychological theories, die offenbar die Frage danach stellen, inwieweit Natur bzw. eine Verbindung zu ihr eine Heilung darstellen kann sowie die queeren Aspekte des Buches. Tove Jansson war lesbisch. Ich frage sie, in was sie die Aspekte gefunden hat?
Wir unterhalten uns über ein großartiges Kapitel in dem Buch. Es trägt den Titel Berenice. Eines Tages nämlich trifft Berenice auf der Insel ein. Sophia freut sich wahnsinnig, dass sie eine Freundin hat, die sie besucht. Sie ist voller Bewunderung für Berenice herrliches Haar und erklärt der Großmutter, was für ein empfindsames, delikates Wesen sie ist, prinzessinengleich. In ihrer Schönheit scheint Berenice durch das Haus und über die Insel zu wandeln und wenig in Kontakt zu treten. Das Problem ist, so erklärt es Sophia seufzend der Großmutter, Berenice hat vor allem Angst. Ich weiß einfach nicht mehr, was ich mit diesem Kind machen soll, klagt Sophia gegenüber der Großmutter. Nachdem sich Berenice endlich traut zu tauchen, ist ihr wundervolles Haar zerstört.
Während ich Berenice vor allem als fantastische Veräußerung der ängstlichen Anteile von Sophia gelesen habe, hat die junge Frau, selbst queer, ihn auch als Frage nach Geschlechtsidentität und Homoerotik gelesen hat. Das Mädchenhafte an Berenice zieht Sophia an, macht sie aber gleichzeitig auch ratlos. Wie soll man sich zum Mädchenhaften in sich selbst verhalten, wie die Balance finden zwischen Wut und Angst, Lebenslust und Angepasstheit. Die eigenwillige Großmutter und ihre oft wütende, hilflose Enkelin haben einen starken Bezug zueinander. In diesem Frauenhaushalt spielt der Vater, das Patriarchat kaum eine Rolle. Er funktioniert irgendwie anders als die beiden. Er schafft und werkelt, pflanzt und baut. Sein Bezug zur Inselnatur ist eine andere. Doch als der Vater später im Buch in einen Sturm gerät und lange nicht von einem Ausflug zurückkehrt, sind Großmutter und Enkelin in großer Sorge.
Die Erzählung wechselt so weich, manchmal fast unsichtbar zwischen den Perspektiven ihrer Protagonistinnen, dass es erstaunlich. Das lässt die beiden noch mehr zusammenwachsen, so unterschiedlich sie sind. Die Perspektive der alten Frau, die immer mehr mit der Insel eins wird, auch das ein Todesmotiv und deren eigensinnige Energie sich in ihrem müder werdenden, schmerzvoll steifen Körper zurechtfinden muss, ist nüchtern und empathisch zugleich geschildert. Eine Figur wie diese ist außergewöhnlich.
Es war also gar nicht das Sommerbuch, das ich erwartet hatte, sage ich zum Schluss. Ja, sagt die junge Frau. Aber man kann es eben auch einfach so lesen.
Ich frage sie, ob ihre Thesis veröffentlicht wurde. Nur an der Uni sagt sie. Kann ich sie dort lesen? Yes, sagt sie, but its in Swedih. Wir lachen. Ich bedanke mich bei ihr. Dafür, dass sie mich angesprochen und mir davon erzählt hat. Wir umarmen uns nicht. Aber im Grunde war das ganze Gespräch eine Umarmung.