April 2026 – From Intro to Outtro

Intro 1:

Hi.

Analyse:

Einfache, klare Herangehensweise. In gewisser Weise ehrlicher als alles andere, denn worum solls gehen außer ums einfach Erstmal-Hi-sagen. Und sich hier in – auch noch verführerischer –  Schreibkunst betätigen zu müssen, ist ja auch nur eine weitere Zumutung des Systems. Sich der Zumutung zu verweigern zeugt aber intrinsisch, denn es gibt ein richtiges Flirten im Falschen, wiederum von einem cool zur Schau getragenen Desinteresse, trägt zur weiteren Lapidarisierung des gesamten Prozesses bei, transportiert schlechte Laune, und erzählt von der knallhart realistischen Einschätzung des Introisten von der romantischen Situation. Okay, aber dann können wir es auch gleich lassen. You need to play the game.

Überhaupt scheinen mir alle inklusive mir ganz schön passiv-aggressiv. Kein Wunder bei dem Stress und Frust, den das hier erzeugt.

 

Intro 2:

you’re lovely.

Analyse:

Länger als Hi, das muss man sagen. An sich ein sehr sweetes Kompliment, wenn man verliebt ist und der andere gerade etwas Lustiges gesagt hat. Leider bezieht es sich ausschließlich und als erstes auf etwas, das zu sehen ist, nicht auf etwas, das geschrieben wurde, also nicht auf ein womöglich gemeinsames Interesse, sprich nicht auf mein Hirn, sondern auf mein Äußeres. Ich sag ja nicht, dass das keine Rolle spielt oder spielen darf, aber wär schon nett, zumindest so zu tun, als wär das nicht das einzige, was zählt. Der Introist gibt mir das Gefühl – sein Bild trägt vielleicht dazu bei – dass er sich vom Sessel aus die Jungfrauen anschaut, die ihm gebracht werden, wie Männer das seit Jahrhunderten gewohnt sind.

 

Intro 3:

you have nice and healthy looking hair. May I ask if this is your natural hair oder did you color it?

Analyse:

Sicher das interessanteste von allen 3 Intros. Auch Männer haben also Angst vor DeepFakes, davor, so ihre Sicht auf die Dinge, übel getäuscht zu werden. Also besser mal höflich nachfragen, ob das sein kann, mit den Haaren. Nicht, dass man sich verabredet und es zu Produktenttäuschung kommt. Das ist das erste und einzige Intro, bei dem ich überlege, zu antworten. Just for fun, und ihm zu sagen, dass die Haare am Oberkopf gefärbt sind, weil ich gerne die grauen und weißen überdecke. Aber ich bin nicht hier, um Recherche zu betreiben. Oder die Welt zu erziehen. Ich möchte mich mit jemand, der einen netten Eindruck macht, auf einen Kaffee oder einen Spaziergang treffen.

Als G. sich auf meinem Handy die Männer durchscrollt, wann hat man schon mal die Gelegenheit, ist er völlig aus dem Häuschen. Das geht ja gar nicht! schreit er, und: Was glauben die denn? und: Klar, erstmal Ansprüche stellen, und Mhm, schon klar, du Ficker, und, da ist ja wirklich niemand, mit dem man reden möchte, und, mindestens dreimal, kopfschüttelnd, Ohgott, du Arme. Das ist sehr lustig. Ich bin ein bisschen beruhigt. Es liegt nicht an mir, dass ich da niemanden nett finde. Aber dann bekomme ich Panik. Das wars. Das ist es, worauf man sich einstellen muss.

Obwohl meine Sehnsucht so groß ist, obwohl ich bereit war, mich dafür wieder in diese risikobehaftete, depressiv machende Scheiße zu begeben: Ich melde mich ab.

Outtro.