Ich gehe zu einer Veranstaltung mit Dorothee Ellmiger. Ich bin Fan, irgendwie. Das hab ich selten. Sehr selten. Der Saal ist fast voll, als ich ankomme. Ich finde nur noch einen Platz, von dem aus ich sie nicht sehen werde. Nur manchmal verschiebt sich die Menge so vor mir oder bewegt sie sich auf dem Podium für einen Moment so, dass ich einen Eindruck von ihrem ebenmäßigen Gesicht bekomme und ihren immer wie gebläht wirkenden Nasenflügeln. Meine Vorstellung fliegt zu ihr.
In meiner Tasche liegt das Buch, das sie geschrieben hat, oben und an der Seite gucken kleine Post-its raus, die ich mit Notizen versehen habe. Ein Gütesiegel. Das Buch sieht aus wie ein Aktenschrank. Man kann mit den Fingern hineinfahren, an den Stellen wo die Post-ist sind, und sich angucken, was ich merkenswert fand. Ich habe mir vorgestellt, dass ich mich nach der Lesung in die Schlange zum Signieren stellen und ihr das Buch hinlegen werde. Ich werde mich dafür bedanken und sagen, dass man ja sehen kann, wie anregend ich es fand. Am Ende der Veranstaltung, die eigentlich eine Radiosendung ist, wird sie gar nicht signieren.
Sie liest zwei Auszüge und dazwischen gibt es interessante Fragen und Gedanken zum Buch von zwei namhaften KritikerInnen und einer Autorin. Nach der Veranstaltung verlasse ich schnell den Saal, weil es schon spät ist und der Weg zurück vom Wannsee weit und ich zudem wie schon im Vorfeld von dem Gedanken erfasst werde, dass U da sein könnte, womöglich auch noch mit Freunden oder seiner Freundin oder gar Dorothee Ellmiger selbst seine neue Freundin sein könnte, denn sie ist ja aus der Schweiz und passt auch sonst krass ins Beuteschema.
Ihre Geschichte besteht aus Geschichten und entwickelt eine atmosphärische, existentielle Düsternis, die ich in vielen aktuellen Produktionen wahrnehme (Sirat, In die Sonne schauen, Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald). Die Frauen in Die Holländerinnen bewegen sich sehr selbstverständlich durch die Welt, als gingen sie davon aus, sie könnten sich dort bewegen und aufhalten und gehörten überallhin. Sie sagen zu, allein auf eine Herde Schafe aufzupassen. Sie nehmen den mühsamen Weg in einen Dschungel auf sich und begeben sich auf eine Wanderung bei der sie leicht in Gefahr geraten können. Es ist nicht so, dass alles klappt, was sie da machen, aber sie begeben sich auf eine wie mir scheint männliche Weise in diese Situationen, also ohne sich mit Bedenken oder Irritationen aufzuhalten. Sie scheinen keine Angst zu haben und dementsprechend nicht einmal Mut zu brauchen. Und doch erzählen die Geschichte und viele der Geschichten in der Geschichte, von der Gewalt in der Frauen leben.
Zuhause schaue ich mir ihr Foto auf der Zeit-Sonderausgabe an, ihr Gesicht scheint mir von einem klaren, klugen Menschen zu erzählen, der Mut hat.
Ich muss an das denken, was U gesagt hat über seinen Eindruck von den Schweizern. Endlich mal Menschen ohne diese ganzen historischen Belastungen wie in Deutschland immer, oder in Polen.
Ich wäre so gerne zusammen mit ihm zu dieser Lesung gegangen.